Auf der Anklagebank: ein Spezialist

     |    Thursday June 19th, 2014
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The_Specialist_Blog

Am 11. Mai 1960 wurde Adolf Eichmann in Buenos Aires auf dem Heimweg von seiner Arbeit bei Mercedes Benz von Mossad-Agenten überwältigt. Der entscheidende Tipp zu seiner Festnahme kam aus Deutschland selbst, vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Der jüdische Sozialdemokrat Bauer hatte guten Gründe, den deutschen Behörden nicht zu vertrauen und wandte sich daher an Israel und dessen Geheimdienst. Nach einer Reihe von Irrtümern machte man schließlich den Mann ausfindig, der einer meistgesuchten deutschen Kriegsverbrecher war. Am 22. Mai traf Eichmann an Bord einer El-Al-Sondermaschine in Israel ein und wurde in ein abseits gelegenes Gefängnis gebracht. Fritz Bauer, der den Tipp gegeben hatte, wurde vorab vom Erfolg der Mission informiert.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann vor dem Jerusalemer Bezirksgericht war ein Weltereignis. Mit Eichmann saß ein Mann auf der Anklagebank, der maßgeblich an den ungeheuren Verbrechen Nazideutschlands mitgewirkt hatte. Während viele andere Täter sich erfolgreich durch Flucht oder Selbstmord einem Strafprozess entzogen hatten, wurde Eichmann persönlich mit Zeugnissen und Zeugen seiner Horrortaten konfrontiert, die von Massendeportationen, Erschießungskommandos und Gaskammern berichteten.

holocaustprozess-adolf-eichmannUnter den zahlreichen Journalisten, die im Gerichtssaal den Prozess verfolgten, befand sich, wie das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” in einem Artikel beschrieb, auch der als Korrespondent einer Wirtschaftszeitung getarnte BND-Agent Rolf Vogel, dessen Auftrag es war, das Verfahren gegen Eichmann im Interesse der deutschen Bundesregierung zu beeinflussen.

Die deutsche Regierung war, so “Der Spiegel”, von Eichmanns Verhaftung völlig überrascht worden. In Bonn ging nun die Angst um, Aussagen im Prozess könnten westdeutsche Politiker oder Behörden belasten. Dies nicht von ungefähr. Hans Globke, von 1953 bis 1963 unter Konrad Adenauer Chef des Bundeskanzleramtes, war als Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze nur das prominenteste Beispiel für die Kontinuität von zahlreichen Karrieren, die im Nationalsozialismus begonnen und in der Bundesrepublik Deutschland ungebrochen fortgeführt worden waren.

“Der Spiegel”  sieht im Vogel-Einsatz als “Teil einer der heikelsten diplomatischen und geheimdienstlichen Operationen in der Geschichte der alten Bundesrepublik”. Vogel, der von Kanzler Adenauer persönlich nach Israel geschickt worden sei, habe alles daran gesetzt, dass die Anklage auf Eichmann beschränkt blieb und vor der Weltöffentlichkeit die Mittäterschaft vieler Deutschen thematisiert wurde. Vogel habe die israelischen Staatsanwälte mit entlastendem Material zu Globke gefüttert. Gemeinsam mit einem “Bild”-Journalisten habe er in Jerusalem sogar einem DDR-Anwalt Dokumente gestohlen, von denen er glaubte, sie könnten westdeutsche Politiker oder Beamte belasten.

Der Eichmann-Prozess wurde von einem US-Kamerateam gefilmt. Nahezu ausschließlich aus dem so entstandenen, umfangreichen verfügbaren Archivmaterial haben die Regisseure Eyal Sivan und Rony Brauman den zweistündigen Film “Ein Spezialist” gemacht, der bei den Berliner Filmfestspielen 1999 im Wettbewerb gezeigt wurde und jetzt auf realeyz.tv zu sehen ist.

In Israel hat “Ein Spezialist”  heftige Kontroversen ausgelöst. Wie die Zeitung “Haaretz” berichtet, wirft eine Untersuchung der Hebrew University in Jerusalem dem weltweit erfolgreichen Film in Teilen unzulässige filmische Techniken und Methoden vor, um eine bestimmte Interpretation des Eichmann-Prozesses zu unterstützen. Für mich bleibt “Ein Spezialist” auch nach erneutem Sehen ein eindrucksvolles und verstörendes Zeitdokument.

FrankZ

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