Zwischen Wahnsinn und Durchblick: TAKE SHELTER

     |    Tuesday, der 5. November 2013

Einem Exzentriker verzeiht man auffälliges Verhalten, einem Normalo nicht. Curtis LaForche ist so ein Normalo. Er wohnt im ländlichen Ohio, arbeitet auf dem Bau, hat Frau, Kind und ein Haus, dessen Raten er mühsam abstottert. Doch nachts suchen Curtis furchtbare Alpträume heim: Unheil dräuende Wolken, Unwetter, Schwärme schwarzer Vögel, in der Luft schwebende Möbel – kurz, die Welt geht unter.

In Jeff Nichols‘ zweitem Spielfilm, TAKE SHELTER, den man hier auf realeyz.tv sehen kann, steht sein Held ganz allein da. Wie soll er den anderen seine Angstzustände näher bringen? Denn die Vorboten einer Katastrophe nimmt Curtis bald auch tagsüber wahr. Ein Donner hier, eine schwarze Wolke dort – doch die anderen merken nichts. Kann man seinen Sinnen unter diesen Umständen noch trauen? Woher sollte man selbst schon merken, dass man verrückt ist? Und wenn keiner in der Umgebung etwas sieht oder hört, kann man dann als Einziger Recht haben?

Ein raffiniertes Spiel mit Illusionen, optischen und akustischen Effekten betreibt Nichols in seinem meisterhaften Drama. Befinden wir uns gerade in einem von Curtis‘ Alpträumen oder fegt dort tatsächlich ein Sturm samt Platzregen über sein Grundstück?

Bald lässt Nichols seinen Helden sehr konkrete Schritte unternehmen, seine Familie vor dem – angeblichen – Armageddon zu schützen. Für eine Menge Geld, das er eigentlich nicht besitzt, baut er seinen Schutzbunker vor dem Haus aus, führt seine Frau und Arbeitskollegen hinters Licht und arbeitet manisch an der Vollendung des unterirdischen Mini-Festung.

Menschen, die sich auf die Apokalypse vorbereiten, sind Irre, das haben uns amerikanische Serien und Filme hinlänglich vorgeführt. Auch Curtis scheint genetisch vorbelastet zu sein: Seine verwirrte Mutter lebt in einer Anstalt für Psychisch Kranke, und so fragt sich Curtis nicht ohne Grund, ob er das Leiden der Mutter geerbt haben könnte. Doch wer das Werk des talentierten jungen amerikanischen Regisseurs Jeff Nichols kennt, weiß auch: Seine Helden sind stur – bis zur Besessenheit. Sei es der älteste eines Bruder-Trios, der sich mit seinen vier Halbbrüdern in „Shotgun Stories“ ein blutiges Duell liefert. Oder der der geflohene Sträfling in „Mud“. Er trifft auf einer einsamen Insel unbeirrbar Vorbereitungen, um seine Ex-Freundin wieder zu erobern, die ihn vor Jahren verließ.

Michael Shannon, der stets etwas mürrisch wirkende Mann mit dem düsteren Blick, ist Jeff Nichols‘ Lieblingsschauspieler, und er trägt als Curtis maßgeblich zum Gelingen von TAKE SHELTER bei. Die Verbissenheit, mit der er sich seiner Aufgabe widmet – die Kleinfamilie muss gerettet werden! – befördert den Zuschauer in einem permanenten Zustand des Zweifels. Denn weiß man nicht auch, dass ‚Irre‘ meistens einen sechsten Sinn haben?

Kira Taszman

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