Zwischen Provokation, Groteske und Schmerz: die PARADIES-Trilogie von Ulrich Seidl

     |    Thursday, der 2. October 2014

Seidl_Paradies_Glaube_1_neuAnna Maria liebt Jesus. Die 50-jährige Röntgenassistentin hat ihre ganze Wohnung mit Kreuzen und christlichen Devotionalien eingerichtet. Zu Hause betet sie regelmäßig, singt christliche Lieder und begleitet sich dazu auf dem elektronischen Klavier. In ihrem Gästezimmer flagelliert sich die christliche Eifererin mit Hingabe – bis sie sich den Rücken wund gepeitscht hat. Danach sagt sie demütig: „Danke, Jesus“. Auch einen Dornengürtel trägt sie gelegentlich als Bußübung.

Anna Maria (gespielt von Maria Hofstätter) ist die Protagonistin von Ulrich Seidls PARADIES: GLAUBE, dem zweiten Teil seiner Paradies-Trilogie. Wie immer bei Seidl ist auch dieser Film eine Herausforderung. Andere würden sagen: eine Zumutung. Denn so radikal wie die Protagonistin gestaltet sich auch der Stil Seidls. Seidl schont sein Publikum nie, zeigt Obsessionen, Übereifer, Schmerz, Sichgehenlassen und missachtet auch gern die Regeln des so genannten guten Geschmacks. Manchmal artet Anna Marias Liebe zu Jesus auch in autoerotische Spielereien mit dem Kruzifix aus.

Einige Szenen tun einfach nur weh, manchmal wendet man den Blick ab. Die Selbstkasteiungen seiner Heldin, und mit welcher Hingabe sie von ihr zelebriert werden, demonstriert Seidl ebenso ausführlich wie die endlosen Diskussionen, welche Maria mit Menschen führt, die sie missionieren will. Dann klemmt sie sich eine 50 cm große Marienstatue unter den Arm, fährt in die Stadt und klingelt an den Türen von Mietshäusern. Mit den Worten „die Mutter Gottes kommt zu Ihnen“ oder „die Mutter Gottes sucht eine Herberge“ verschafft sie sich Eintritt in fremde Wohnungen.

Seidl_Paradies_Glaube_3_grDer gelernte Dokumentarfilmer Seidl („Tierische Liebe“) nimmt sich für einige dieser Sequenzen viel Zeit und lässt eine professionelle Schauspielerin auf Laien treffen. Das trägt zum realistischen Stil des Films bei. Andere Szenen wiederum gestaltet er als Groteske, etwa, wenn sich Anna Marias Betkreis bei ihr trifft und darin auch der an Jesus gerichtete Wunsch vorgetragen wird: „Mach, dass Österreich wieder katholisch wird.“ Umso ironischer mutet es an, dass die Christin Anna Maria, der ihr Glauben buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen ist, ausgerechnet mit einem Moslem verheiratet ist.

Nabil (Nabil Saleh) kommt nach zweijähriger Abwesenheit aus Ägypten zurück nach Österreich. Doch das eheliche Leben findet für den an einen Rollstuhl gefesselten Mann nicht mehr statt. Gegen Jesus hat er keine Chance. So wird der Zuschauer auch Zeuge der Psycho-Spielchen, Kräche und heftigen physischen Auseinandersetzungen der zwei entfremdeten Eheleute. PARADIES: GLAUBE unterscheidet sich von dem letzten Teil der Seidl-Trilogie, PARADIES: HOFFNUNG, durch seine thematische und formale Strenge (Kamera: Ed Lachmann), auch wenn Momente des Absurden hier Einzug halten.

Seidl_Paradies_Liebe_02Zudem kreuzen sich einige Charaktere in den drei PARADIES-Filmen: die Protagonistinnen sind miteinander verwandt. In PARADIES: HOFFNUNG geht es nicht um die innere Überzeugung einer Außenseiterin, sondern um den Blick der Gesellschaft auf sie. Die übergewichtige Melanie (die Nichte von Anna Maria) wird darin von ihrer Mutter (der Protagonistin von PARADIES: LIEBE) in ein Diätcamp geschickt. Dort werden Melanie und andere Teenager von übermotivierten Sportlehrern, die einem Bootcamp entsprungen sein könnten, getriezt.

Seidl_Paradies_Hoffnung_01_klDoch Melanie und ihre Leidensgenossinnen nehmen den Drill nicht allzu ernst. Stattdessen verliebt sich der pummelige Teenager in den dreimal so alten Diätarzt und Leiter des Camps. In den Begegnungen mit ihm kann Seidl wieder sein Faible für Provokation und Ambivalenz ausspielen. Ansonsten gibt es in dem Film auch einiges zu lachen.

Nichts zu lachen hat dagegen bis zum Schluss Anna Maria. Der Film endet im Stillstand – hart und entbehrungsreich ist die Leidensprüfung, die Jesus ihr auferlegt hat.

Kira Taszman

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