Zwischen Kotti, Easyjetset und dem Iran: „achtung berlin“ 2014

     |    Tuesday, der 8. April 2014

Wovor muss man sich bei dem Filmfestival „achtung berlin“ eigentlich in Acht nehmen? Vor Berlin, der Stadt, die ja nun angeblich out ist? Oder vor den Filmen des Festivals? Beide bedingen sich natürlich gegenseitig, und man kann ihnen nur Achtung entgegen bringen. Schließlich  hat es bis dato keine Ausgabe dieses frischen, innovativen und – trotz zehnjährigen Bestehens – jungen Festivals mit Filmen über und aus Berlin gegeben, auf der man keine erfreulichen Entdeckungen gemacht hätte. So sei an Axel Ranischs wunderbare Tragikomödie „Dicke Mädchen“ erinnert, an Marvin Krens packenden Zombie-Film RAMMBOCK oder an Kirsi Liimatainens eindringliches Familiendrama „Festung“.
Seit jeher hat sich „achtung berlin“ als Plattform für Filme präsentiert, die unabhängig, frei und für (extrem) wenig Geld produziert wurden. Eines von etlichen Beispielen dafür ist in diesem Jahr Numan Acars sehenswerter Film Noir „Vergrabene Stimmen“. Kaan (Acar selbst) kommt nach acht Jahren Knast in seinen ehemaligen Kreuzberger Kiez zurück. Seine Kumpels, alle mittlerweile Mitte dreißig und meist Hartz-4-Empfänger, hängen immer noch zwischen dem Kotti und dem Bezirksdreieck am „Molecule Man“ ab. Aufgefangen wird Kaan in Berlin von niemandem, und nachdem sein Freund Mo (Stipe Erceg) ihm einen Job als Fahrer für einen Gangster verschafft hat, rutscht Kaan wieder in die Kriminalität ab. Die vergrabenen Stimmen, auf die der Titel anspielt, gehören einer jungen, traumatisierten Frau, deren No-Future-Stimmung auch die Gemütslage von Kaan trifft. Sie hat besprochene Kassetten eines Diktiergeräts in der Erde des Friedhofs vergraben, in dem auch Kaans Mutter liegt. Doch auch die Beziehung mit der jungen Frau holt Kaan nicht aus seiner Einsamkeit heraus. „Vergrabene Stimmen“ ist durch sein Spiel mit der Chronologie (Vor- und Rückblenden) raffiniert erzählt, nimmt sich Zeit für seinen kontemplativen Rhythmus, der gelegentlich durch Traumsequenzen und hektische Bilderabfolgen beschleunigt wird. Gute Musik und seine konsequent pessimistische Grundhaltung machen ihn zu einem gelungenen und originellen Genrefilm aus Kreuzberg.
Dort (und in anderen Szene-Bezirken) kann man an so mancher Häuserwand den Spruch „No more Rollkoffer“ lesen. Rund um den Kotti wird der Kampf gegen steigende Mieten und Verdrängung aus dem Kiez ja besonders intensiv betrieben. Dass viele Berliner sich von „Touris“, partysüchtigen Vertretern des so genannten „Easyjet-Set“ und Benutzern von Ferienwohnungen überrannt fühlen, untersucht Nana A.T. Rebhan in ihrer Doku „Welcome Goodbye“. So porträtiert sie Touristen selbst, etwa zwei junge, unermüdliche asiatische Frauen, welche etliche Sehenswürdigkeiten der Stadt in nur zwei Tagen abklappern. Auch alteingesessene Berliner, die sich von dem boomenden Tourismus belästigt fühlen und vor den bereits spürbaren Konsequenzen warnen, kommen zu Wort. Ein Tourismus-Manager betrachtet das Phänomen dagegen uneingeschränkt positiv.
Doch nicht alle Filme von „achtung berlin“ sind vor Berliner Kulisse entstanden. Eine Tendenz des diesjährigen Festivals sei, dass die Filmemacher ihre Region Berlin-Brandenburg in die ganze Welt trügen, sagt Festivaldirektor Hajo Schäfer. So spielt „Schwarzer Panther“, das anrührende Bruder-Schwester-Drama des DFFB-Absolventen Samuel Perriard, in den Schweizer Alpen. Die Eltern von Emilie und Jakob sind gestorben, nun soll ihr Chalet verkauft werden. Nach einigen Jahren sehen sich die Geschwister wieder: Er ist Skateboarder in Amerika, sie hat den elterlichen Laden übernommen. Bald entsteht eine Intimität zwischen den Geschwistern, die das gesellschaftliche Tabu ignoriert und damit zum Scheitern verurteilt ist. Der Film ist wohltuend ungeschwätzig und vertraut seinen Bildern. Bei der Betrachtung der mal kargen, mal prächtigen Berge schwingt immer eine unterschwellige Bedrohung mit, ebenso wie Sehnsüchte nach Loslassen und Freiheit. So erweist sich „Schwarzer Panther“ durch seinen Mangel an Befindlichkeits-Dialogen als ein im positiven Sinne untypischer deutscher Film und reiht sich unangestrengt in das europäische Arthouse-Kino ein.

Ein in Berlin produzierter Dokumentarfilm reist für seine Fragestellung gar um die halbe Welt. Die deutsche Ex-TV-Moderatorin und jetzige Regisseurin Mo Asumang hat als Tochter eines Ghanaers immer wieder rassistische Diskriminierung erlebt. Deshalb stellt sie nun die Frage: Wer sind eigentlich „Die Arier“? Dafür interviewt Asumang so auskunftsfaule wie aggressive deutsche Neonazis, fährt aber auch in den Iran und trifft dort auf die etymologisch und ethnisch wahren „Arier“. Sie entpuppen sich als weltoffene, gütige Leute, die insistieren, dass sie mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten nichts zu tun haben und betonen, dass alle Menschen gleich seien – unabhängig von ihrer Herkunft und Hautfarbe. Angst und bange wird dem Zuschauer wenn die hartnäckige und mutige Filmemacherin nachts in der amerikanischen Pampa ein Interview mit Mitgliedern des Ku-Klux-Klan wagt. Schlecht kann einem angesichts der wie selbstverständlich vorgetragenen Äußerungen des „White-Aryan-Resistance“-Rassisten Tom Metzger werden, etwa wenn er allen Ernstes behauptet, dass Asumangs afrikanischer Vater ein „Gen-Entführer“ sei.
Die Retrospektive „Berlin im Film der 90er Jahre“ wiederum bietet ein Wiedersehen mit Klassikern wie Michael Kliers „Ostkreuz“, Penelope Buitenhuis‘ TROUBLE oder R.P. Kahls ANGEL EXPRESS. Mit ihren Bildern halten sie die Wandlung Berlins in den letzten 25 Jahren fest und stehen symbolisch für das, was „achtung berlin“ auszeichnet: ein Festival, das Berlin erforscht, kritisiert, aber auch feiert.

Kira Taszman

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