Woody, der Glücksrabe – Woody Allen: What You Always Wanted to Know But Were Afraid to Ask

     |    Tuesday, der 25. December 2012

Woody Allen begegnete mir erst 2005. Da war er schon 70 Jahre alt und hatte bereits 49 Filme im Kasten – ob als Darsteller, Drehbuchautor, Regisseur oder alles gleichzeitig. Doch damals wusste ich von all dem nichts. Der Name Woody Allen geisterte immer mal wieder an mir vorbei, doch wer dahinter steckte, hatte ich noch nicht realisiert. Bis ich im Kino saß und Scarlett Johansson und Jonathan Rhys Meyers im Kornfeld übereinander herfielen sah, bei strömendem Regen. Das war “Match Point”, laut Wikipedia Allens 50. Film. Seitdem ging ich jedes Jahr ins Kino um Allens Filme zu sehen.

Jetzt erschien erstmals eine umfassende Dokumentation über das Multitalent. “Woody Allen: A Documentary” von Regisseur Robert B. Weide – der schon Dokus über andere Comedians drehte – beschreibt Allens Leben von Kind an. Zu Wort kommen neben seiner Mutter und Schwester auch Ehefrauen und Geliebte, WegbegleiterInnen und WegbereiterInnen, aber vor allem auch er selbst. Und das ist das besondere an diesem Film. Denn Woody Allen ist sonst eher medienscheu und für Interviews selten zu haben. Gleich zu Beginn des Films, dessen Vorspann an die des Meisters selbst erinnert, zeigt Allen dem Zuschauer seinen Arbeitsplatz. Hier steht eine „Olympia SM 3“ von 1952.

Alle seine Drehbücher tippte er auf dieser Schreibmaschine, und tut es noch immer. Seine Technik: Über Jahre sammelt er Notizen auf Servietten und Hotelrechnungen und bewahrt sie in seinem Nachtschrank auf. Bevor er sich an ein neues Drehbuch macht, geht er sie alle durch und pickt sich das passende heraus. Auf dieser Basis entsteht ein neues Werk, das er dann schnell auf der Maschine niederschreibt. Änderungen im Text heftet er einfach darüber. So sieht das erste Manuskript wie ein Flickenteppich aus.

Allen kommt sympathisch rüber, genau wie in seinen Filmen, in denen er fast immer selbst eine kleinere oder größere Rolle übernahm. Der kleine Mann aus Brooklyn, New York City erkannte schon während der Schulzeit seine humoristische Ader. Er begann Witze für Zeitungen zu schreiben, unter seinem Synonym Woody Allen. Eigentlich hieß er Allan Stewart Konigsberg. Er stammte aus einer jüdischen Familie, seine Großeltern waren deutschsprachige Immigranten. Dann entdeckte ihn ein Schauspielagent und schon bald stand er als gefeierter Stand-up-Comedian auf der Bühne des “Bitter End”, einem Szene-Club im Greenwhich Village.

Bald schrieb er ganze Drehbücher statt Monologe und mit “Woody, der Unglücksrabe” feierte er 1969 auch seinen Durchbruch als Regisseur. Seitdem bekamen die Produzenten Allen nur noch im Komplettpaket: als Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler.

Frauen spielten in Allens Leben eine große Rolle. Vom Einfluss seiner Musen auf die Filme erzählt auch die Dokumentation. Die Charaktere der Geliebten spiegelten sich fast immer in den weiblichen Hauptrollen wieder, die er auch gleich mit ihnen besetzte. Zum Beispiel die Schauspielerin Louise Lasser, die von 1966 bis 1969 mit ihm verheiratet war und in “Bananas” und “Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten” mitspielte.

Waren Allens frühe Filme sehr Gag-lastig und skurril, kennzeichneten dramatisch anspruchsvollere Geschichten seine Werke ab den 70er Jahren. Er wollte nun etwas “über echte Menschen erzählen”. An seiner Seite spielte häufig seine Lebensgefährtin Diane Keaton, wie in “Der Stadtneurotiker” (1977) und “Manhattan” (1979). Es waren Filme wie diese, die das Genre der romantischen Komödie revolutionierten.

Schließlich tritt Anfang der 1980er Mia Farrow in Allens Leben, die in “Zelig” (1983) oder “Hannah und ihre Schwestern” (1986) mitspielte. “Ehemänner und Ehefrauen” (1992) war ihr letzter Film mit Woody Allen. Auch das erzählt der Film: Farrow hatte 1992 Nacktfotos von ihrer 21-jährigen Adoptivtochter Soon-Yi bei Allen gefunden. Er hatte ein Verhältnis mit ihr. Im Film beschreiben Wegbegleiter diese Zeit als eine sehr dunkle. Der Sorgerechtsstreit um die gemeinsamen Kinder brachte Woody Allen in eine missliche Lage. Man wagte schon Prognosen, dass seine Karriere nun beendet sei.

Leider gibt Allen selbst keinen Kommentar dazu ab. Dass er noch heute mit Soon-Yi verheiratet ist und zwei Adoptivkinder mit ihr hat ist wahrscheinlich Kommentar genug. Doch darauf geht der Film gar nicht mehr ein. Allen erholt sich schließlich von diesem Skandal und bringt – bis heute – jedes Jahr einen Film in die Kinos. Zuletzt feierte er mit “Midnight in Paris” (2011) einen seiner größten Erfolge.

“Woody Allen: A Documentary” bietet einen umfassenden Blick hinter die Kulissen. Ob am Arbeitsplatz des Meisters selbst, oder am Set, wo man ihn in Aktion erlebt. Als Regisseur lässt er den SchauspielerInnen meist freie Hand. Dennoch “ist es, als wäre man wieder in der Schauspielschule”, berichtet Josh Brolin, Hauptdarsteller in “Ich sehe den Mann deiner Träume” (2010). Alle wollen ihm gefallen. Selbst die großen, erfahrenen Schauspieler.

Auf die Frage, warum er noch immer jedes Jahr einen Film macht, antwortet Woody Allen ganz pragmatisch: Er zähle auf die Quantitätstheorie. Mit einem von vielen Filmen muss er ja mal Glück haben.

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Sarah Curth ist Redakteurin des Onlinekulturmagazins Berliner Gazette und Betreiberin des Blogs Lotterliebe. Sie schreibt außerdem über digitale Lebenswelten, Medien und urbanes Leben für verschiedene Publikationen und arbeitet als Texterin. Für realeyz.tv rezensiert Sarah Curth regelmäßig Filme, die sie interessieren.

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