Wohin mit der Vergangenheit? Ruth Beckermann in 7 Filmen

   Melika Gewehr   |    Wednesday, der 24. April 2019

Ruth Beckermann erzählt Geschichten über die Realität. Sie rückt das Licht zurecht, beleuchtet damit das Unangenehme. Häufig befinden ihre Dokumentarfilme in Bewegung: zwischen hier und dort, zwischen jetzt und früher, zwischen ihr uns uns.

Die studierte Publizistin ist eine Mitbegründerin der unabhängigen Filmszene Österreichs und wurde auf der DOK Leipzig 2018 mit einer Hommage honoriert und im Jahr 2018 gewann ihr Film Waldheims Walzer den Glashütte Original Dokumentarfilmpreis.

„Ein Film wie eine musikalische Komposition“ (Jan Tabor)

Auf realeyz kannst du nun 7 Filme von Ruth Beckermann streamen:

WIEN RETOUR

1983 erschienen, ist WIEN RETOUR der erste Teil eine Filmtrilogie, in der sich Beckermann auf die Suche nach den Verbindungen zwischen Kulturen mit jüdischer Identität begibt. In diesem Film erinnert sich Franz West an seine Jugend: an die vielfältige jüdische Bevölkerung der Mazzesinsel, an sein Engagement in der Arbeiterbewegung des Roten Wien und an den Aufstieg von Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Seine meisterhafte Erzählung und das eindrückliche Archivmaterial verdeutlichen Zusammenhänge in der österreichischen Geschichte der Zwischenkriegszeit.

DIE PAPIERENE BRÜCKE

Im Folgefilm reist Ruth Beckermann durch ihre eigene Familiengeschichte und erzählt zugleich die Geschichte der mitteleuropäischen Juden und die Geschichte einer Region. Auch hier ist das Reisen, das Unterwegssein, Erzählstruktur und Inhalt zugleich.

ZORROS BAR MIZWA

Ein kritisch-ironischer Blick auf vier Jugendliche in Wien, die sich auf ihre Bar Mizwa vorbereiten. Der Film wendet sich nicht der Vergangenheit, der Tradition zu – stattdessen befragt er die junge Generation, wie der Brauch an ihre Lebensrealität adaptiert werden kann.

„Thora-Lesung im Gangsta-Rapper-Rhythmus“ (Joachim Schätz, Falter Viennale Special)

JENSEITS DES KRIEGES

Ein kompromissloser Film über Erinnerung und Vergessen. Weiß gekachelte Räume, Neonlicht; an den Wänden Schwarzweiß-Fotografien von den Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der Ostfront während des 2. Weltkriegs. Vor diesem Hintergrund berichten ehemalige Soldaten über ihre Erfahrungen und Erlebnisse jenseits des „normalen“ Krieges. Zwei Stunden über Mitläufer und Täter.

HOMEMAD(E)

Flanieren. Kaffeehauskultur. Die Stadt als Dorf. HOMEMAD(E) ist ein Essayfilm, ein Porträt eines langsam aussterbenden Stück Wiener Stadtgeschichte. Wie nebenbei dokumentiert er gleichzeitig die politische Wende, die mit der Regierungsbeteiligung der rechten FPÖ eintrat.

EIN FLÜCHTIGER ZUG NACH DEM ORIENT

EIN FLÜCHTIGER ZU NACH DEM ORIENT ist ein gedanklicher Schwesternfilm von HOMEMAD(E). Auch hier flaniert Beckermann, nicht aber in Wien. Sie sucht nach Spuren der Kaiserin „Sissi“ und ihrem Flanieren durch die Straßen Kairos. Hier: keine romantisierte Märchenwelt aus opulenten Farben und Düften, keine aktuellen westlichen Terrorstereotype; nur die weiche Kamera von Nurith Aviv und die Freiheitssuche von Ruth Beckermann.

THOSE WHO GO THOSE WHO STAY

THOSE WHO GO THOSE WHO STAY ist Beckermanns Meta-Film, ihre eigene Analyse ihrer filmischen Motive, ihre Zwischenbilanz. Dennoch schließt er nichts ab: er ist wie ein Angebot an das Publikum, das seine eigenen Assoziationen und Bilanzen ziehen kann. Hier wird die große Stärke Beckermanns klar: der freie, spontane Sprung von Individualität zu Universalität.

Melika Gewehr