WIE ICH LERNTE, DIE ZAHLEN ZU LIEBEN – Dokumentarfilm von Oliver Sechting und Max Taubert

     |    Saturday, der 20. December 2014

Oliver Sechting wird den ganzen Tag lang von Zahlenkombinationen und Farben gequält. Er leidet unter einer psychischen Krankheit namens „Magische Zwangsvorstellung“. Eigentlich wollte der Berliner Filmemacher mit seinem Ko-Regisseur Max Taubert in New York die Szene der Independent-Künstler beleuchten. Doch das Projekt wird von Sechtings Leiden überschattet und avanciert zum Hauptthema des kurzweiligen Dokumentarfilms WIE ICH LERNTE, DIE ZAHLEN ZU LIEBEN.

Nacht in New York. Oliver Sechting starrt den Hauseingang mit der Nummer 58 an. Dann fährt ein Fahrradfahrer an ihm vorbei, auf dessen T-Shirt eine Neun prangt – Todeskombination! Sechting kann sie mit keiner anderen Zahl neutralisieren und leidet. Außerdem ist die Fußgängerampel auf Rot geschaltet. Rot auf schwarzem Hintergrund ist schlecht und die öffentliche Toilette in der Nähe auch, denn sie birgt die Assoziation mit Kot, und er fürchtet sich vor allen Körperausscheidungen.

Sechting, Mitte Dreißig und Taubert, Anfang Zwanzig, sind in New York City, um die dortige Untergrund-Szene zu dokumentieren. Rosa von Praunheim – er fungiert auch als Produzent der Doku – hat den beiden seinen Segen und wohl auch ein paar Kontakte mit auf den Weg gegeben. So sucht das Filmemacher-Duo die Performancekünstlerin Joey Arias auf. Sie wird am liebsten „Göttin“ genannt. Auch andere Künstler werden interviewt, so etwa zwei Frauen, die bereits in von Praunheims Doku „Überleben in New York“ (1989) mitgewirkt haben. Die Schriftstellerin Anna Steegmann etwa trauert noch um ihren 2011 verstorbenen Mann. Die Journalistin Schöneberger wiederum pflegt ihr durch eine Überschwemmung versehrtes Haus.

wie_ich_lernte_die_zahlen_zu_lieben

Dennoch verkommt die Beschäftigung mit anderen Künstlern bald zur Nebensache. Denn Oliver Sechtings Ängste nehmen Überhand. Immer wieder begegnet er bedrohlichen Zahlen und empfindet dann Panik. Er hat Angst vor Brüchen, dass ihm der Körper oder ein Bein durchbrechen könnte. Früher bekämpfte er solche Attacken durch das Verschlucken der Brillanten seiner Mutter. Außerdem lähmt ihn die Angst um seinen Arbeitspartner Max. Ihn peinigt der Gedanke, dass dem jungen Partygänger im Moloch New York etwas Schlimmes zustoßen könnte.

Der Schlüssel zu Sechtings Erkrankung ist in seiner Kindheit zu finden. Die Rituale und Zwangshandlungen stellten sich bei ihm ein, nachdem er sehr früh seinen Vater verlor. Indem er ein Zwangssystem befolgt, denkt er, seine größte Angst zu umgehen: den so genannten sozialen Tod. Doch genau den riskiert er, da auch Max Taubert Sechtings Panikattacken, Zwangshandlungen und Weinkrämpfe kaum noch erträgt und sich beschwert, dass Sechting seine Freiräume durchbreche.

Oft filmt sich Sechting selbst und vertraut der Kamera intime Details über sich selbst an. Verfremdete Sequenzen von seinen Horrorvisionen – Brillanten im schleimigen Mageninneren – oder Ausflüge in die New Yorker Partywelt lenken immer wieder von seinen schwankenden Stimmungen ab. Zwischendurch werden Filmemacher und Zuschauer aber auch von bodenständigen Ansichten der interviewten Künstler stabilisiert. Und wer hätte gedacht, dass auch der charmante – und ebenfalls interviewte – Tom Tykwer gewisse Zwangsrituale vollzieht? Er mag die Zahl 13 nicht und zählt seine Schritte, wenn er aus einem Zimmer geht. 10 sollten es möglichst sein. Aber besser als eine Todeskombination.

Kira Taszman
Google+

Kira_Taszman