Veit Helmer – Interview zu „Quatsch und die Nasenbärbande“

    |    Wednesday, der 12. November 2014

Letzte Woche startete Veit Helmers neuer Film „Quatsch und die Nasenbärbande“. Er wurde in Berlin und im brandenburgischen Buckow gedreht. Im Gespräch erzählt der vielseitige Regisseur, Autor und Produzent von der Arbeit mit Kindern und Tieren, den Vorteilen des digitalen Filmens, Normspießern, grünen Cornflakes und dem Marktforschungsinstitut GfK.

quatsch11

Veit, du hast mit „Quatsch und die Nasenbärbande“ einen Film über das fiktive, zum Normdorf gemachte, Örtchen Bollersdorf mit Kindern und Tieren gedreht. Wie bist du auf die Geschichte gekommen?

Veit Helmer: Mein damals vierjähriger Sohn liebte einfach alle Dinge, die in dem Film vorkommen: Feuerwehrauto, Müllauto, Lokomotive, Traktor, Schiff, Flugzeug. Also habe ich versucht, all diese Dinge – und Tiere – dort einzubringen. Die eigentliche Geschichte handelt aber von einer Bande von Kindern, die ein Dorf auf den Kopf stellt. Die Kinder sind ungestüm und haben tolle Ideen, und die Eltern sind die Bewahrer der Ordnung. Die Ordnung ist der Durchschnitt. Und der Durchschnitt wird in Deutschland durch die pfälzische Gemeinde Haßloch repräsentiert, die durch die GfK beobachtet wird…

das berühmt-berüchtigte Marktforschungsinstitut…

Die Gesellschaft für Konsumgüterforschung testet in Haßloch, was die Leute am liebsten kaufen. Die verstecken Produkte im Supermarkt, und wenn sie die Menschen in Haßloch kaufen, kauft das der Rest der Welt. Denn Haßloch entspricht genau dem Durchschnitt der Deutschen. Jeder Einwohner hat dort eine Chip-Karte, die er nach dem Einkaufen in den Scanner steckt. Damit weiß der Produzent des lila Waschmittels oder der grünen Cornflakes, wer das Produkt in Haßloch kauft – Singles, Familien, Migranten oder Best-Ager.

Das hört sich nach Überwachungsstaat an…

Ich habe mir oft Fragen stellen müssen, ob das kindgerechte Unterhaltung ist, aber ich glaube schon: Die Kinder vertreiben die GfK und die grünen Cornflakes aus ihrem Dorf. Das ist natürlich eine Herausforderung, Kindern zu erklären, dass das Dorf dann nicht mehr besonders ist und sie dann wieder die normalen Cornflakes essen können. Aber es gibt eine Rezeptionsebene für kleine Kinder – wenn alles zu Bruch geht – und eben die Ebene für ältere Kinder und Erwachsene.

Wie bist du auf die Allianz zwischen kleinen Kindern und Großeltern gekommen?

Beide sind seelenverwandt, nehmen sich Zeit, sich mit Dingen zu beschäftigen. Erwachsene haben heute keine Zeit mehr. Wir sind nur noch irritierte, beschleunigte Wesen. Die Eltern im Film sind Normspießer, während die Kinder wie ihre Großeltern – Polarforscher, Raketentriebswerkserfinder, Kunstflieger – nach dem Außergewöhnlichen streben. Natürlich ist der Film eine Komödie, aber er ist auch ein Musical und ein Actionfilm. Er ist genauso wild und unangepasst wie die kindlichen Protagonisten.

quatsch05

Mit Kindern und Tieren sollte man nicht drehen, lautet ein altes Klischee. Wie war es bei dir?

Dieser Spruch stammt noch aus dem Zeitalter, als jede Minute Kodak Hunderte Euro Kopierwerkskosten verursacht hat. Dieser Film wäre vor fünf Jahren nicht möglich gewesen. Die digitale Aufnahmetechnik ermöglicht uns, Hunderte Stunden Material aufzunehmen. Dass ein Nasenbär einen Haken in eine Öse macht, kann zwei Stunden dauern. Ich kann es mir heute leisten, die Kamera laufen zu lassen, zumal der Moment, wo ein Tier oder ein Kind einen wunderbaren Moment liefert, nicht zu kalkulieren ist. Das ist eine Entfesselung.

Du bist Regisseur und Produzent in Personalunion. Was bedeutet das für deine Arbeit?

Die Entscheidungen fallen schnell, und es gibt keine Abstimmungsprobleme. Ich kann am Drehort sofort entscheiden: Ich möchte eine dritte Kamera und zehn Komparsen mehr und muss nicht mit Produzenten sprechen. Meine wundervolle Produktionsleiterin und meine anderen tollen Mitarbeiter unterstützen mich. Der Koproduzent NDR war der Auffassung, dass ich es nie schaffen würde, so einen langen Dreh mit vier Jahre alten Kindern zu machen. Doch ich war von der Idee überzeugt. Ich habe die Darsteller-Kinder aus 1000 Bewerbern ausgesucht. Über ein halbes Jahr habe ich Castings gemacht und acht Wochenenden Proben mit den Favoriten. Die gute Zusammenarbeit mit ihnen war natürlich wesentliche Grundlage für das Gelingen des Projekts.

quatsch4

Wie lange durften die Kinder am Tag arbeiten?

Sie dürfen drei Stunden am Drehort sein und zwei Stunden drehen. Das Landesamt für Arbeitsschutz fand dieses Projekt besonders unterstützenswert und gab uns das Recht, mit den Kindern für mehrere Tage so zu arbeiten, als seien sie Sechsjährige. Das heißt, wir durften die Drehstunden aufsplitten auf morgens und nachmittags.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Beim Drehen selbst sind sie ständig in Hör-, aber nicht in Sichtweite. Es ist wichtig, dass die Kinder wissen, dass ich in dem Moment der Orientierungspunkt bin. Die Eltern bekamen aber regelmäßig das Material zu sehen und wurden jeden Abend angerufen. Dadurch hatten wir einen intensiven Austausch. Es war uns wichtig, dass es den Kindern gut geht.

Interview: Kira Taszman

Kira_Taszman