Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Tuesday, der 11. September 2018

Lebende Litfaßsäule? Maskottchenkostüm bei einem Sportturnier? Pressesprecher der Bundesregierung? Die Welt hält viele unwürdige Arbeiten bereit, die man eher aus Verzweiflung, weniger aus Liebe zur Sache ausüben würde. Ob Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) den schlimmsten aller Jobs haben, darüber lässt sich streiten, einer der einsamsten ist er definitiv: Sie sind für das Aufmalen neuer Begrenzungsstreifen zuständig, stellen die lustigen Straßenhütchen auf, kleben Reflektoren auf den Boden. Und sind dabei völlig alleine. Texas, ein Wald, der durch einen verheerendes Feuer verbrannt wurde, das ist ihr Einsatzgebiet. Dass hier nicht unbedingt viele Leute durchkommen, wen wundert’s? Doch die Straßen müssen nun mal in Stand gehalten werden.

Alvin macht das nicht viel aus, er genießt die Einsamkeit und die Stille. Lance hingegen sehnt sich nach der Stadt zurück. Und vor allem nach den Frauen. Viele Gemeinsamkeiten haben die beiden Männer also nicht, noch nicht mal wirklich gegenseitige Sympathie. Dass Lance dabei ist, verdankt er auch nur dem Umstand, der Bruder von Alvins Freundin zu sein. Doch trotz der offensichtlichen Differenz kommen sich die beiden im Laufe des Sommers langsam näher und werden zu Kameraden.

Regisseur David Gordon Green, sonst vor allem für deftige Komödien wie Ananas Express bekannt, kehrt hier zu seinen Indiewurzeln zurück und präsentiert einen wunderschönen Film über eine Freundschaft wider Willen. Witzig ist Prince Avalanche vor allem durch die Figurenkonstellation: Der eine ist Naturbursche, der andere ein Stadtmensch, beide auf ihre Weise völlig überheblich. Alvin hält dem Lance ständig vor, überhaupt kein Mann zu sein, da der nicht mal in der Lage wäre, sein Zelt aufzubauen. Der jüngere Schwager-in-spe wiederum sieht sich zu etwas Höherem berufen, kann so gar nicht nachvollziehen, was an einem Leben in der (Fast-)Wildnis so toll sein soll und findet seinen Kollegen wahnsinnig langweilig und spießig. Dass es bei zwei so unterschiedlichen Charakteren ständig knirscht, versteht sich von selbst.

Schenkelklopfer sind hier dennoch eher die Ausnahme, insgesamt ist die Tragikomödie eine ziemlich ruhige Angelegenheit. Bis das erste Mal gesprochen wird, vergehen ein paar Minuten. Und auch später lässt Green den Bildern viel Platz und die Szenen für sich sprechen. Langweilig ist das nicht, hin und wieder sogar verdammt bewegend. Wenn Alvin einer Frau begegnet, die in den verkohlten Überresten ihres Zuhauses alte Dokumente sucht, schnürt es einem das Herz zusammen. Und auch wenn er danach selbst durch die Trümmer läuft und sich seinen Träumen eines normalen Familienlebens hingibt, hat das etwas richtig Rührendes an sich.

Wer Paul Rudd nur für seine derberen Filme mit Judd Apatow kennt (Jungfrau (40), männlich, sucht…, Beim ersten Mal, Immer Ärger mit 40), wird überrascht sein, dass der Schauspieler auch die leiseren Töne beherrscht. Und das gilt auch für Emile Hirsch (Into the Wild). Wenn gerade nicht das Zwischenmenschliche auf dem Programm steht, gibt es viele (Detail-)Aufnahmen vom Wald, so viele, dass man sich manchmal wie in einer Naturdokumentation fühlt, gerade auch wenn die Kamera mal wieder etwas wackelt.

Dass das Remake eines isländischen Films namens Á annan veg nichts für das große Publikum ist, mag eingeplant gewesen sein – Green drehte ihn quasi heimlich mit einem sehr kleinen Produktionsteam –, schade ist es trotzdem. Denn es ist eben diese Mischung aus ruhigen Landschaftsaufnahmen und menschlichen Schicksalen, lustigen und traurigen Momenten, die Prince Avalanche zu etwas ganz Besonderem machen. Wer den Film im Original sieht, darf übrigens noch über etwas anderes schmunzeln: Alvins putzige Versuche, Deutsch zu lernen. Da wird dann schon mal aus dem Abenteuer („Adventure“) eine Lawine („Avalanche“) und damit auch ein Titel, der ebenso verschroben ist wie der Film selbst.

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