Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Monday, der 24. September 2018

So unterschiedlich ihre jeweiligen Berufe auch sein mögen, in dem kleinen kurdischen Dorf an der Grenze von Irak, Iran und der Türkei haben Baran (Korkmaz Arslan) und Govend (Golshifteh Farahani) mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen. Während die Versuche des Polizisten, nach dem Sturz von Saddam Hussein einen Rechtsstaat aufzubauen, am allmächtigen Clanoberhaupt Aziz Ağa (Tarik Akreyi) scheitern, ist die Lehrerin auch als Person unerwünscht. Eine unverheiratete Frau Ende 20? So etwas gehört sich nicht! Bei ihrem gemeinsamen Streiten für Wandel und Anerkennung kommen sich die beiden Außenseiter langsam näher – was gleich von mehreren Seiten aus wenig gern gesehen wird.

Wie gefährlich ein Machtvakuum nach einem Regiewechsel sein kann, durften wir in der letzten Zeit immer wieder in den Nachrichten mitansehen. Doch was heißt das im Kleinen für eine Gesellschaft, die plötzlich ohne Strukturen da steht und versuchen muss, alte Regeln und neue Realitäten in Einklang zu bringen? Anfangs sieht es danach aus, als würde My Sweet Pepper Land diese Frage von einer humoristischen Seite angehen: Der deutsch-französisch-kurdische Film beginnt mit einer missglückten Hinrichtung und dem bitterbösen Beweis, wie sehr Anspruch und Umsetzung manchmal auseinanderklaffen.
Auch später gibt es immer wieder komische Momente, doch die Stimmung kippt in Richtung Drama, versetzt mit Elementen der Romanze und des Westerns. Letzteres betrifft nicht nur die Bilder – wie ein Cowboy reitet Baran ins Dorf, seine Widersacher sind typische Revolverhelden, auch die karge Landschaft ist denen der Vorbilder würdig –, sondern auch den Inhalt. In klassischer Genremanier sind die beiden Aufsässigen die einzigen mit Anstand, setzten sich für Recht und Freiheit ein. Mehr als diese Charaktereigenschaft bekommen Baran und Govend auch gar nicht zugesprochen, sie sind wie ihr gegenüber nicht mehr als Symbolfiguren.

Schade auch, dass über die Hintergründe ebenso wenig gesprochen wird. Nach einer kurzen Einführung geht es gleich zur Sache, weiterführende geschichtliche oder gesellschaftliche Aspekte finden kaum eine Erwähnung mehr. Dass Baran früher Freiheitskämpfer war, erfahren wir, wodurch sich auch seine Gerechtigkeitsliebe erklärt. Und auch, dass es um die Rechte der Frauen nicht gut steht, wird recht offen gezeigt. Ansonsten liegt es am Zuschauer, den Kontext für die Situation zu erschließen, sowie einzelne Konflikte zuzuordnen.
Beliebig oder distanziert wird My Sweet Pepper Land dennoch nicht, denn Regisseur Hiner Saleem und die überzeugenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller machen es einem leicht, beim frustrierenden Kampf gegen die Gegebenheiten mitzufühlen. Und unterhaltsam ist ihr Film ohnehin: Neben dem Humor kommt auch die Spannung nicht zu kurz, zudem wird die Geschichte in sehr stimmungsvolle Bildern erzählt. Selbst wer nichts mit dem politisch motivierten und feministisch untersetzten Inhalt anfangen kann, darf sich auf weitläufige Landschaftsaufnahmen freuen, aber auch auf eine Musik, die sich mal aus Westernmotiven und dann wieder wunderschönen traditionellen Klängen zusammensetzt.

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