Clara Jäschke   |    Monday, der 19. March 2018

„Ich pack’ die Realität nicht“

Hier könnte auch dein Text stehen: Schreibe eine Review und erhalten einen Monat freien Zugang zu all unseren Filmen! Hier gibt es mehr Infos: realeyz.de/schreiben-und-schauen

In seinem Film MODELS thematisiert Ulrich Seidl die Lebensweise österreichischer Models Ende der Neunziger Jahre. Mit Brust-OPs, Kokain, schnellen Affären und vorgegaukelter Mühelosigkeit stolpern die drei Protagonistinnen durch ihren Alltag. Seidls Message ist dabei klar: Die Oberflächlichkeit des Model-Business ist zum Unglück verdammt. Denn insgeheim sind die Frauen alle auf der bloßen Suche nach Halt.

Der Regisseur ist bekannt für Filme, die zwischen Fiktion und Dokumentation einzuordnen sind. Das macht sich vor allem in den Dialogen erkennbar, die meist improvisiert sind und dadurch sehr lebensnah wirken. Seidl schreckt nicht zurück vor langen Gesprächspausen oder undeutlich gesprochenen Sätzen. Durch die langen, statischen One-Take-Aufnahmen schlüpfen wir als Zuschauer automatisch in die Rolle des stillen Beobachters und blicken dabei besonders objektiv auf das Geschehen.

Zur Authentizität trägt auch bei, dass der Film keinen klaren Plot aufweist. Er besteht aus aneinandergereihten Sequenzen, die für sich stehen und alle einen befremdlich-extremen Eindruck hinterlassen. So lernen wir die porträtierten Frauen in den verschiedensten Situationen kennen. Im Sonnenstudio, beim Telefonieren im Taxi, auf Partys, beim gemeinsamen Umkleiden und auf der Toilette. Dabei schafft Seidl es, unverblümte, intime Momentaufnahmen festzuhalten und zeichnet so ein 3D Bild seiner Protagonistinnen. Denn sobald die Frauen unter sich sind, ertrinkt ihre naive Leichtigkeit in haltlosem Weltschmerz.

Dieser Eindruck wird von der Bildkomposition unterstützt, in der überwiegend mehr vom Raum als von den Personen erkennbar ist. Es entsteht ein Gefühl von Einsamkeit. Schließlich scheint die allseits angestrebte Perfektion noch lange nicht erreicht und hinterlässt die Frauen auf der ewigen Suche nach mehr.

MODELS wirft viele Fragen auf und zeigt eine Seite des Business, die in den Medien leider unterrepräsentiert ist. Somit ist der Film ein Meisterstück und einzig in seiner Art. Beim Zuschauer setzt er jedoch eine gewisse Weitsicht voraus und die teils sehr stillen und repetitiven Szenen können einem schnell langatmig vorkommen. Gerade das ist es jedoch, was den Film für mich sehenswert macht. Denn er ist ein Paradoxon in sich: Die affektierten Frauen mit aufgespritzten Lippen, die täglich eine Rolle spielen, werden hier glaubwürdig und sensibel abgebildet.

User Review