Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Monday, der 6. August 2018

Arbeit als Erntehelfer? Jetzt noch, um diese Zeit? Nein, begeistert sind sie nicht, die Bewohner in dem kleinen luxemburgischen Dorf Schandelsmillen, als eines Tages der Deutsche Jens (Frederick Lau) bei ihnen auftaucht. Mit Fremden hat man es dort eh nicht so, die Arbeit auf dem Feld läuft zudem längst auf Hochtouren. Nur die Bürgermeistertochter Lucy (Vicky Krieps) ist ganz froh darüber, dass der Unbekannte bei ihnen vorbeischaut, hat schnell Gefallen an ihm gefunden. Mit einem Bein in der Tür, dem anderen im Bett der hübschen jungen Frau, gelingt das mit der Integration schon deutlich besser. Die Dorfbewohner nehmen ihn auf, bieten ihm einen Job an. Doch ganz einfach ist das Zusammenleben dennoch nicht. Denn nicht nur Jens trägt ein Geheimnis mit sich herum, das Dorf tut es ebenso.
Es hat ja schon eine ganze Weile gedauert, bis Gutland endlich einmal unsere Kinos beehrt. Nach seinem Debüt beim Toronto International Film Festival im September 2017 ging das Werk erst einmal auf ausgedehnte Festivaltour, machte unter anderem auch beim Max Ophüls Preis Halt, bevor dann nach acht Monaten auch der gemeine deutsche Kinogänger an der Reihe ist. Gut möglich, dass dies an der sprachlichen Barriere liegt. Während die Beteiligung von Frederick Lau die Erwartung an einen ganz regulären deutschen Film schürt, sprechen von ihm abgesehen nahezu alle anderen Charaktere Luxemburgisch. Lediglich Krieps, selbst gebürtige Luxemburgerin, kommt uns Hochdeutsch entgegen, der Rest setzt entsprechende Kenntnisse oder den Willen zu Untertiteln voraus.

Nein, hier bin ich unerwünscht
Das ist mindestens ungewohnt, manch ein Kinogänger wird es vielleicht sogar als Zumutung empfinden, dass nicht nachsynchronisiert wurde. Und doch trägt es maßgeblich zu der Atmosphäre von Gutland bei. Zumindest als Nicht-Luxemburger bekommt man hier schnell das Gefühl, in eine Gemeinschaft hineinzuplatzen, in die wir nicht gehören. Die uns trotz der (manchmal) lächelnden Gesichter gar nicht haben will. Die uns vielleicht sogar nach dem Leben trachtet. Ein typischer Fall von provinziellem Fremdenhass? Danach sieht es anfangs ein wenig aus. Stimmt aber nicht. Wie so manches, das man hier für bare Münze nimmt.

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Wenn dem Regisseur und Drehbuchautor Govinda Van Maele eines gelingt, dann ist es der Aufbau einer mysteriösen Atmosphäre und das Aufzwingen von vielen, vielen Fragen. Der Fall scheint klar: Jens hat etwas ausgefressen, versteckt sich in einem kleinen Kaff und muss darauf hoffen, dass niemand dahinterkommt. Das geht eine Weile gut, verschiebt den Fokus aber mit der Zeit auf das Dorf selbst. Auf die Leute dort. Die Beschäftigung mit dem lokalen Orchester, dem auch Jens irgendwann angehört. Die Beziehungen untereinander. Man kommt sich näher, freundet sich miteinander an. So wie es meistens in Filmen geschieht, wenn ein Fremder aufs Land zieht.

Ende surreal, Mittelteil lang
Es ist der weniger interessante Teil, da die eindeutigen Thrilleranleihen des Beginns zurückgefahren werden. Er zieht sich sogar ein wenig, auch weil man nun endlich wissen will, was eigentlich Sache ist. Stattdessen wird aber von Ernten gesprochen, musiziert, interessiert sich gar nicht mehr für die Welt da draußen. Oder die Zuschauer. Immerhin: Die Besetzung ist hochkarätig. Lau darf mal wieder den etwas finsteren Mann fürs Grobe geben. Vicky Krieps, die in Der seidene Faden nun endlich auch einmal international ihr großes Talent zeigen durfte, gefällt nicht minder als aufgeschlossene und freundliche Bürgermeisterstochter.

Fazit
Aber auch das ist nur Fassade. Erst zögerlich, dann umso heftiger kommen sie zurück: die ganzen Fragen. Gutland beginnt nicht nur seinen Titel zu verspotten, wenn eigentlich gar nichts gut wird. Die aufkommende Dunkelheit geht zudem mit surrealen Elementen einher, die in einem deutlichen Kontrast zu dem beschaulichen Alltag stehen. Van Maele tut uns jedoch nicht den Gefallen, diese wieder einzufangen. Es ist sogar ein klein wenig enttäuschend, wie sehr hier große Dinge angedeutet werden, der Film aber mittendrin und ohne viel Aufhebens endet. Das Drumherum, so wunderbar bebildert mit finsteren Landschaften und ursprünglichem Bauersleben, es findet kein befriedigendes inhaltliches Pendant. Ein spannendes und sehenswertes Thrillerdrama ist der Ausflug ins Nachbarland aber ohne jeden Zweifel, weshalb es dann eben doch gut ist, dass es dann auch deutschlandweit zu sehen sein wird.

Übrigens: Mehr Rezensionen von Oliver Armknecht und Ankündigungen von realeyz.de-Neuerscheinungen findest du unter film-rezensionen.de.

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