Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Wednesday, der 23. May 2018

An alle Hamburger: Trotz des Wetters lohnt sich der heute und in den nächsten Tagen der Gang ins Kino ganz besonders: Das Japan Filmfest Hamburg beginnt! Und ab nächster Woche läuft – dann aber wieder in Berlin, im City Kino Wedding ein vergessener Klassiker japanischer Animationskunst an: Cureopatura – oder, wie findige Japankenner*innen direkt erkennen können, eine Anime über Kleopatra – schon jetzt gibt es den Nachfolger CLEOPATRAS, angesiedelt im Frankreich der französischen Revolution, auf realeyz.de zu sehen: BELLADONNA OF SADNESS. Aber lest selbt in der Rezension von Oliver Armknecht von film-rezensionen.de

Und wir bleiben bei der Erwachsenenunterhaltung: Wie schon letzte Woche in Das fehlende Glied gibt es auch dieses Mal ausgiebig nackte Haut und Gewalt zu begutachten. Der Unterschied ist jedoch, dass im Gegensatz zur absurden Evolutionsgeschichte der heutige Teil 24 unseres fortlaufenden Animationsspecials eine tragische Geschichte zum Inhalt hat, eine sehr tragische sogar.

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Dabei steht am Anfang von Belladonna sogar das Glück: Jeanne und Jean lieben sich über alles, wollen für immer zusammen sein und geben sich vor der versammelten Dorfgemeinschaft das Ja-Wort. Aber wie das so ist mit dem Glück, es ruft auch Missgunst und Neid hervor, zumindest aber den Wunsch, an eben jenem Glück teilzuhaben. Und so fordert der herrschende Fürst seinen Anteil, vergewaltigt ebenso wie seine Untergebenen die frischvermählte Jeanne. Doch das ist nur die erste von mehreren Grausamkeiten, welche die junge Frau in den Folgejahren erleiden muss und die sie letztendlich in die Arme des Teufels treibt.

Auch wenn Fritz the Cat immer ganz gerne als frühestes Beispiel für einen Zeichentrickfilm für Erwachsene genannt wird, die Japaner waren da ein bisschen früher dran. Anders als Bakshi, den vor 1972 keiner wirklich kannte, gehen die fernöstlichen Gehversuche auf Osamu Tezuka zurück – und der Schöpfer von Astro Boy und Black Jack wird nicht nur von Fans als „Gott des Manga“ bezeichnet. Dieser hatte bereits Ende der 60er die Idee, mit seinem Animationsstudio Mushi Productions erotische Filme für eine ältere Zielgruppe herzustellen. Animerama hieß die Reihe, Belladonna der dritte Teil. Und der erste, an dem Tezuka nicht direkt beteiligt war. Stattdessen überließ er hier Eiichi Yamamoto völlig freie Hand, der unter anderem schon bei der Tezuka-Serie Kimba der weiße Löwe und den beiden anderen Animerama-Filmen A Thousand & One Nights und Cleopatra Regie geführt hatte.Belladonna Szene 1

Gewöhnungsbedürftig war für die zeitgenössischen Zuschauer aber nicht nur der hohe Anteil an Sexualität, sondern auch wie diese dargestellt wurde. Viele der Bilder würde man eher in einem westlichen Film vermuten, von Anime-Ästhetik ist hier weit uns breit nichts zu sehen. Und von Animationen genauso wenig. Nur hin und wieder einmal bewegt sich etwas, ansonsten greift Yamamoto vor allem auf starre Wasserfarbenmalereien zurück, an denen die Kamera entlangfährt. Dass hier vieles verschwommen ist, liegt in der Natur der Sache, hin und wieder – etwa bei den anonymen Dorfbewohnern – ist nicht einmal klar, wo überhaupt die Grenzen liegen.

Wer nur die computergenerierten Verwandten der Neuzeit kennt, wird sich mit dem bewusst kontrastlosen Belladonna schwer tun. Tatsächlich aber ist die unwirkliche Optik ein wichtiger Punkt im Gesamtkonzept des lose auf „Die Hexe“ von Jules Michelet basierenden Films: Yamamoto stößt mit seinen ausdrucksstarken Bildern die Tore zur Hölle weit auf – im realen und übertragenen Sinn –, lässt uns zusammen mit der bedrohlichen Synthiemusik in einem surreal-psychedelischen Sinnesstrudel voll sexueller Symbolik versinken.Belladonna Szene 2

Leider nur ist der Inhalt hinter der faszinierenden Fassade weit weniger spannend. Das Grundprinzip einer metaphorischen Geschichte über den Geschlechterkampf – Frauen sind entweder Opfer oder Hexen – ist sicher interessant. In der Umsetzung beschränkt sich der Film jedoch meistens darauf, Jeanne bei bizarren Sexszenen zu zeigen oder diabolische Phallussymbole durch die Gegend fliegen zu lassen. Der Wandel von der unterdrückten Heiligen zur lustvollen Überfrau ist deshalb auch recht forciert, die titelgebende schöne Frau wächst nie über die Rolle einer Projektionsfläche hinaus, von den persönlichkeitslosen Figurendrumherum ganz zu schweigen.

Für die Geschichte allein lohnt sich Belladonna deshalb eher weniger, der feministische Anstrich und die voyeuristische Gestaltung stehen bis zum Schluss im Widerspruch. Als ästhetische Erfahrung ist der vergessene Klassiker jedoch für alle ein Muss, die Spaß an Grenzüberschreitungen haben. Dass dies kein besonders große Zielgruppe ist, war vor 40 Jahren nicht anders als heute: Trotz Teilnahme an der Berlinale war Belladonna ein Vollflop, Mushi Productions musste noch im selben Jahr Konkurs anmelden. Und das ist schade, denn vergleichbar experimentierfreudige Filme waren damals wie heute kaum zu finden.

Die ganze Rezension findest du auf https://www.film-rezensionen.de/2014/10/belladonna/

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