User Review: Art Girls

   Annett Stenzel   |    Thursday, der 21. February 2019

Kunst-Sci-Fi, -Realismus oder digital-realistisches Märchen der Kollektivität? Jede Erzählung ist eine Fiktion an sich. Und in Robert Bramkamps Film ART GIRLS muss um jeden Preis erzählt werden! Nicht allein, mehr-dimensional, und zu dem, was möglich wird.

Es geht in dem Film ART GIRLS nicht nur um Kunst-Frauen, sondern um kollektives Erzählen; mehrschichtiges, filmisches und visionäres Erzählen. Wobei erstes und letzteres die Klammer bilden, die die Ge-Schichtungen verweben.

Primär geht es in ART GIRLS um ein Beispiel, eine im Leben angekommene Frau im entspannten Katastrophenzustand (Nikita): Trennung, Kunstalltag ohne Galerie und Geld, – Glamour gibt es nur bei der Freundin. Die Katastrophenfrau mit Potenzial erweckt den gelähmten Kurator, den sie auch braucht, um an Geld und Liebe zu geraten:  Und so entwickeln beide eine Ausstellung, während die Freundin (Una) dabei zur Katastrophen-Künstlerin und zur Konkurrentin wird.

Peter, der Kurator, ist scheinbar ein Alter Ego zu der Künstlerin Nikita Neufeld, der Katastrophenfrau. Die Antagonisten gibt es ebenso im Doppelpack, als Spiegelungen der Charaktere: der kühle Laurens und die Katastrophenkünstlerin und Freundin Una. Die kollektive, verdoppelte Erzählung, aber auch die erkennenden, vorausschauenden Erzähler_innen: alle müssen warten, damit ihr Werk wirkt, damit das Gute das Böse überwindet.

Bramkamps Frauen-Figuren

Was aber genau machen Bramkamps Frauen-Figuren im Film? Zunächst haben sie kontinuierlich einen schwachen Startpunkt in seinen Filmen. Schon in seinem Film GELBE SORTE von 1987 zum Beispiel sieht man eine junge kluge Frau, die aber beständig im Schatten der Männer steht und irgendwie keinen eigenen Text spricht, bis zuletzt wo sie sich mit einem Text von Kleist als Schauspielerin bewirbt. Erst zum Ende des Films befreit sie sich und fährt mit dem Auto in ihre Zukunft (den Schlüssel hierfür gab natürlich der liebende Freund).

In ART GIRLS entwickelt sich die Hauptakteurin Nikita Neufeld aber – glücklicherweise geht Bramkamp einen Schritt weiter – anhand und innerhalb der Erzählung. So sagt ihr die Freundin auf den Kopf zu, sie brauche einen Kurator, der sie liebt, und ihre Kunst in die Welt einführt. So bekommt die Geschichte plötzlich einen zufällig ernannten Kurator, mit und an dem Nikita gesehen wird und der ihr Selbstbewusstsein steigern kann, allerdings hauptsächlich am männlichen Anderen.

Kunst-Verflechtungen

Hier passiert etwas, das an die letzte Szene in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ erinnert. In Wenders Film bilden die beiden Protagonisten am Seil geometrische Kunst-Figuren in Liebe und Verbindung zueinander. In R. Bramkamps Film führen solche Kunst-Figuren, Bildnisse und Ereignisse durch den Film, viele der sehr spannenden Kunstwerke sind von der Co-Produzentin, Künstlerin und Ehefrau des Regisseurs: Susanne Weirich. Dies wirkt einerseits wie ein Werkverzeichnis, aber auch wie eine Liebeserklärung als Vision, transformiert in digitalen Film.

Die im Film gezeigten Kunstwerke, zum Teil auch aus der Hamburger Sammlung Harald Falckenberg, müssen sich aber strengstens durch eine Handlung legitimieren, und können nur in einer bestimmten Logik der Erzählung im Film auftauchen, die direkt durch den Berliner Kunstmarkt führt. Digitale Kunst hat Vorrang.

Intertextualität

Die eigentliche Kunst im Film sind jedoch die digitalen Überraschungen, die als Zukunftsvision heraufkommen. Bei Laurens, der in der Pfütze verharrt und so an den fallenden Papst von Maurizio Cattelan erinnern mag oder die Pop-Elemente von  Gilbert und Georg andere Filmdimensionen und Inhalte eröffnen als Art-“Sprech“ im Film. Es werden alle wichtigen Kunstmeilensteine mit Filmbezug genannt und zitiert: FRANKENSTEIN, KING KONG, bis hin zu Godard´s WEEK-END in rasanten Crashs, in künstlerischen Video-Installationen als Zitate von Zitaten in das Geschehen eingebaut… wie eine künstlerische Ableitung des Originals.

Es geht in Bramkamps Film also auch und vor allem um die Kunst, und insbesondere solche, die auf die Natur einwirkt, die zur Potenz der Connection von Individuen miteinander wird.  Eigenartig wie sich im Bildschirmschoner schon das nächste filmische Unterfangen Bramkamps ankündigt. Es drängt sich bildlich in den Film hinein, das nächste Werk, DAZU DEN SATAN ZWINGEN, ein tatsächlich kollektiv erzählter Film. Das macht ART GIRLS zur Vision, und nicht nur aufgrund seiner Frauenfiguren, sondern intertextuell, in kollektiver Praxis.  Wie eine wundersame Formel, die sich einprägen soll, die sich im Film ständig wiederholt.

 

All das ist noch nicht der Film, die Erzählung, die empfiehlt sich selbst anzuschauen. Entgegen mancher Stimmen: Der Film kam nicht zehn Jahre zu spät, er ist noch zu früh! Die Kollektivität verkauft sich noch nicht so gut wie Kunst, obwohl alles und jeder von ihr durchdrungen ist. Darum geht es in Bramkamps Film kollektive Erzählung sichtbar zu machen.

Dieser Film ist ein „Werk“! Ein sehenswertes, digitales und geistiges Werk – eine künstlerische Geometrie der Liebe. Bitte mehrmals anschauen, es kann sein, dass es Wiederholung braucht, damit die anspruchsvolle, weit vernetzte Kunst Robert Bramkamps Wirkung zeigt – auch und vor allem im realen Leben.

 

Melika Gewehr