URBAN GUERILLAS: Regisseur Neco Çelik im Gespräch mit Maxim Biller

     |    Wednesday, der 14. January 2015  |     3

2004, zum Kinostart von URBAN GUERILLAS, sprach Regisseur Neco Çelik mit Autor Maxim Biller über den Sprayer als James Dean unserer Zeit, Kreuzberg vs. South Bronx sowie Mehrsprachigkeit und Multikulti (das aktuell als Kampfbegriff von bspw. Viktor Orban benutzt wird) als Realität in Deutschland. Anläßlich der VOD-Premiere von URBAN GUERILLAS und weiterer Filme von Neco Çelik veröffentlichen wir das Interview, das heute wie vor zehn Jahren Stoff zum Nachdenken gibt.

Neco Çelik. Foto © Nimet Seker

„ICH HASSE ES, PEINLICH ZU SEIN“
Ein Gespräch mit Neco Çelik über seinen neuen Film URBAN GUERILLAS.
Von Maxim Biller

MB: Guter Film, Neco. Alles ausgedacht?
NC: Natürlich.
MB: Das glaube ich nicht. Du warst doch selbst mal ein Sprayer. Warst du gut?
NC: Gut an mir war, daß ich schneller bekannt wurde als die andern Writer.
MB: Hattest du einen eigenen Stil?
NC: Ich machte die gefährlicheren Aktionen als die andern.
MB: Erzähl mal von der gefährlichsten…
NC: Kann ich nicht sagen. Dann kriege ich eine Anzeige.
MB: Wie gefährlich ist URBAN GUERILLAS?
NC: Das wird sich herausstellen, wenn der Film in die Kinos kommt.
MB: Wird ein Jugendlicher, der deinen Film gesehen hat, dir glauben, daß sein eigenes Leben so schön und gefährlich sein kann wie das deiner Figuren?
NC: Kannst du das bitte einfacher fragen?
MB: Okay. Ist URBAN GUERILLAS das neue „Denn sie wissen nicht, was sie tun“?
NC: Ja, wenn du so willst.
MB: Warum?
NC: Die gleichen Tragödien, die gleichen Leidenschaften – aber eine andere Zeit.
MB: Und wer ist dein James Dean?
NC: Danger.
MB: Danger ist achtzehn, schön, schnell und mutig. Aber Danger hat Angst vor der Liebe.
NC: Nein. Danger hat Angst vor der Ausgrenzung.
MB: Früher kämpften die Jungen gegen die Alten. Heute kämpfen die Jungen gegeneinander. Auch in deinem Film. Wie kommt das?
NC: Weil sie ihre Eltern nicht als Gegner empfinden, denn die haben überhaupt keine Ahnung, wie ihre Kinder auf der Straße leben. Sie habe ihre eigenen Codes, eigene Gesetze und eigenes Geld. Und das Zuhause ist nur ein Hotel.

urban_guerillas_celik

MB: Kann ein Film wie URBAN GUERILLAS in Deutschland einen Preis bekommen?
NC: Nach dem Goldenen Bären für Fatih Akins „Gegen die Wand“ ist alles möglich.
MB: Wieso?
NC: Die Filmindustrie hat plötzlich ihren Sinn für die deutsche Wirklichkeit wiederentdeckt.
MB: Interessant, daß es die Wirklichkeit von jungen Ausländern ist…
NC: Die Helden aus den Filmen von Fatih Akin, Züli Aladag und mir sind keine Ausländer. Sie sind ganz normale Jugendliche wie alle andern.
MB: Das stimmt nicht, und das weißt du auch.
NC: Okay, du hast recht. Sie haben ein anderes Temperament, einen anderen Flow, eine andere Geschichte. Aber trotzdem sind sie im Herzen Deutschlands aufgewachsen.
MB: So wie du?
NC: Ja. Ich bin in Berlin geboren, in Kreuzberg groß geworden – mit zwei Sprachen, zwei Seelen und einer Realität.
M: Wie ist deine Realität?
NC: Hart.
MB: Jetzt redest du so, als wärst du in der South Bronx aufgewachsen.
NC: Es war schlimmer als die Scheiß-Southbronx, glaub mir das. Einige von uns sind heute nicht mehr am Leben. Kreuzberg ist erst seit dem Mauerfall wieder aufgebaut worden. Aber ein Paradies ist es immer noch nicht.
MB: Wenn die Realität einen quält, werden dann auch die Filme realistisch?
NC: Genau. Und sie sind dann auch hoffentlich sehr unterhaltsam.
MB: Wie würdest jemandem deine Arbeit beschreiben, der noch nie was von dir gesehen hat?
NC: Ich liebe die Dramatik – und hasse es trotzdem, peinlich zu sein.

© Maxim Biller, 2004 (Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors)

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