Schachschwestern, Soldatinnen und Kiffer-Kekse: Das 21. Jüdische Filmfestival Berlin und Potsdam

    |    Monday, der 11. May 2015

jffb_alavie_grossHitler und Moses stehen am französischen Ufer des Ärmelkanals. Sagt Hitler: „Ich möchte so gern England überfallen, aber ich komme nicht übers Wasser. Wie hast du das damals gemacht beim Roten Meer?“ Antwortet Moses: „Na, ich habe meinen Stab genommen, das Meer geteilt und dann sind wir rüber.“ Fragt Hitler: „Kannst du mir deinen Stab leihen?“ Antwortet Moses: „Na klar, der ist da drüben im British Museum in London!“

Dieser Witz wird in dem Drama „À la vie“ von dem Holocaust-Überlebenden Henri erzählt. Später im Film wird Henri, der das Vernichtungslager zu einem hohen Preis lebend verlassen hat, auch noch einen Auschwitz-Witz reißen. Darf man so etwas? Ja, man darf, Henri sowieso. Auf dem Jüdischen Filmfestival Berlin und Potsdam, wo der Film gezeigt wird, durften in vorherigen Ausgaben auch Frauen Rabbis werden oder ein arabischer Israeli in „Arab Labor“ auf humoristische Weise seine Diskriminierung in der israelischen Gesellschaft schildern. Denn das Festival zeigt seit nunmehr 21 Jahren Filme über jüdisches Leben überall auf der Welt im Heute und Gestern, die auch mal anecken, Gewissheiten hinterfragen und auch provozieren.

In diesem Jahr werden 33 Spiel- und Dokumentarfilme aus 13 Ländern präsentiert, darunter aus Frankreich, Israel, Polen, Österreich oder der Slowakei. Das Motto des Festivals 2015 lautet „Filme, die aufstoßen. Lecker Film“. So handelt die britische Komödie „Dough“ folgerichtig von koscheren Backwaren. Das Geschäft des alten jüdischen Bäckers Nat (großartig: Jonathan Pryce) läuft schlecht. Denn seine Kunden ziehen entweder weg oder sterben. Als Nats Bäckergehilfe zur verhassten Konkurrenz überläuft, stellt Nat kurzerhand den muslimischen afrikanischen Migrantenjungen Ayyash (Jerome Holder) ein.

jffb_dough_2Doch als Ayyash versehentlich den Teig mit einer Dosis Cannabis verfeinert und der Verzehr der Kekse auffällig lustig macht, werden Nats Backwaren stadtberühmt. Der unterhaltsame Film, der konsequent seinen doppeldeutigen Titel – Teig und „Zaster“ – thematisiert, folgt einem klassischen Konfliktschema. Doch Regisseur John Goldschmidt erzählt ohne politisch korrekte Scheuklappen von Vorurteilen zwischen Juden und Moslems oder weist soziale Missstände auf. So erscheint dem in einer elenden Sozialwohnung lebenden Ayyash der Drogenhandel als einziger Ausweg aus der Misere und betrachtet er seinen Job bei Nat zunächst nur als Geldwäscherei. Auch das langsame Auseinanderbrechen der jüdischen Gemeinde mit ihrer halbleeren Synagoge zeigt der Film fast beiläufig. Dass der junge Moslem und der alte Jude schließlich beste Freunde werden, mag vorhersehbar sein, wird aber mit viel Herz und Witz geschildert.

jffb_zeroMit Respektlosigkeit, schwarzem Humor und sogar Horrorelementen wartet dagegen die israelische Tragikomödie „Zero Motivation“ (Regie: Talya Lavie) auf. In einer Militärbasis mitten in der Wüste schieben die Soldatinnen Zohar (Dana Ivgy), Daffi und Irena ihren Dienst in der Personalabteilung. Langeweile, Lagerkoller und eine übereifrige Vorgesetzte machen den jungen Frauen zu schaffen, die von Tel Aviv oder Liebesaffären träumen. In drei Episoden, in denen auch ein Selbstmord, eine Entjungferung und eine gekittete Freundschaft eine Rolle spielen, kommt die Armee – wie auch in anderen israelischen Filmen (etwa dem Klassiker „Yossi und Jagger“) nicht übermäßig gut weg und fungiert doch als Erfahrungswert, der alle Israelis miteinander verbindet.

Sind Schachmeister immer nur ernst dreinblickende Männer wie Anatoli Karpow und Garri Kasparow? Nein, sagt Regisseur Yossi Aviram in seiner spannenden Doku „The Polgár Variant“. Darin präsentiert er die Schachgenies Zsuzsa, Zsófia und Judit Polgár. Die drei Schwestern ungarisch-jüdischer Herkunft waren Schach-Wunderkinder. Von ihrem Vater, einem Erzieher, auf Erfolg getrimmt, besuchten sie keine Schule und lernten ab dem frühesten Kindesalter die Kunst des Schachspielens. Die Theorie Polgárs lautete, dass Begabungen nicht angeboren seien, sondern anerzogen werden könnten. Die Fähigkeiten seiner Töchter sollten dies bestätigen, auch wenn ihm wohl zu Recht vorgeworfen wurde, sie als Versuchskaninchen missbraucht zu haben.

jffb_polgarZeitzeugen – darunter ehemalige Trainer der drei Mädchen, gegen die sie bald verloren – schildern die bescheidenen Verhältnisse der Familie im sozialistischen Ungarn inmitten einer typischen Plattenbausiedlung. Alles Geld wurde in die Schachausbildung der Mädchen gesteckt. Die Hartnäckigkeit László Polgárs ist aber auch dadurch zu erklären, dass auch er der Sohn eines Holocaust-Überlebenden ist, dessen gesamte Familie ermordet worden war. So hatten die Mädchen außer dem Großvater kaum andere Verwandte und hielt die Kernfamilie zusammen wie Pech und Schwefel. Die Mädchen setzten sich in der von Männern dominierten Schach-Welt durch – gegen den rigiden sozialistischen ungarischen Schachverband und männliche Vorurteile. Wie Judith Polgár, die wohl beste Schachspielerin der Welt, schließlich sogar ihr Idol Garri Kasparow schlug – und wie er wortlos als schlechter Verlierer von der Bühne schlich – zeigt die spannende Doku ebenfalls.

Das kollektive jüdische Trauma des Holocaust, zwangsläufig eine Konstante beim Jüdischen Filmfestival, lässt sich am besten anhand von Einzelschicksalen filmisch aufarbeiten. Sensibel und anrührend erzählt der französische Regisseur Jean-Jacques Zilbermann in dem eingangs erwähnten Spielfilm „À la vie“ die Geschichte seiner Mutter, einer Auschwitz-Überlebenden. Im Film heißt sie Hélène (Julie Depardieu) und spürt nach 16 Jahren durch eine Annonce in einer jiddischen Zeitung ihre Leidensgenossinnen aus Auschwitz, Lily (Johanna ter Steege) und Rose (Suzanne Clément, bekannt aus den Filmen von Xavier Dolan), wieder auf. Zu dritt verbringen die drei Frauen einige Tage am Meer. Doch die Wiedersehensfreude der Freundinnen wird getrübt. Sie fühlen sich schuldig, überlebt zu haben, können sich einige Dinge, die sie in Auschwitz tun mussten, nicht verzeihen. Anschaulich zeigt der Film, wie die Überlebende Hélène ungeachtet der Unterstützung durch ihre meist kommunistischen Freunde im Nachkriegsfrankreich emotional isoliert bleibt. Trotz aller Konflikte fühlt sie sich nur von anderen Überlebenden richtig verstanden: von ihrem jüdischen Mann Henri (Hippolyte Girardot) und vor allem von Lily und Rose.

Kira Taszman

Vom 10.5. bis 20.5. im Babylon-Mitte, fsk, Filmkunst 66, Filmmuseum Potsdam u.a.; www.jffb.de

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