Pervers, perverser: Von „Dexter“ zu „Hannibal“

     |    Wednesday, der 16. October 2013

Kürzlich ging auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender „Showtime“ das Serienfinale von „Dexter“ über den Bildschirm. Der sympathischste Serienkiller der Fernsehgeschichte – bei Tag Forensiker, bei Nacht Mörder von Übeltätern – sagte nach acht Staffeln endlich Adieu. Besser wäre ein Abgang nach fünf Staffeln gewesen, da die letzten Seasons mit dem Spannungslevel arg zu laborieren hatten. Letztlich, nachdem der nett aussehende Rotschopf Dexter (Michael C. Hall) alle seine Antagonisten – von Jimmy Smits, John Lithgow über Keith Carradine hin zu Julia Stiles verkörpert – düpiert oder besiegt (sprich: ermordet) hatte, ging es nur noch um eine Frage: Fliegt er auf oder nicht?

Doch vor dieser entscheidenden Fragestellung hat sich die letzte Staffel, in der keine Geringere als Charlotte Rampling Dexters Ziehmutter im Geiste darstellte, bis zum Schluss gedrückt. Zudem hat sie sich in Bezug auf Dexters Überleben oder Sterben ein recht maues Ende verpasst.

Im Grunde ging es bei „Dexter“ immer um eine perverse, aber reizvolle Konstellation. Wie lange kann man mit einem psychopathischen Mörder mitfiebern und dabei das eigene Wertgefüge von Gut und Böse ausblenden? Dexter machte es einem in sofern leicht, als auf seinem – sorgfältig mit Plastikplanen ausgelegten – Exekutionstisch nur jene landeten, „die es verdient hatten“, um Dexters Code zu paraphrasieren. Ansonsten war Dexter durchaus zu menschlichen Beziehungen, ja sogar zu tiefen Empfindungen fähig und rührte das Publikum zudem als liebevoller Vater eines kleinen Sohnes.

Kaum ist das Fernsehen also um einen Perversen ärmer geworden, rückt mit „Hannibal“, der nun auf SAT 1 ausgestrahlt wird, ein Nachfolger an. Der großartige Mads Mikkelsen tritt in die Fußstapfen des nicht minder großartigen Anthony Hopkins und verlagert den Schauplatz von der Leinwand auf den Privatbildschirm. Doch wo Hopkins – zumindest in „Das Schweigen der Lämmer“ – mit erlesener Höflichkeit und Ironie hinter der bedrohlichen Fassade punktete, spielt Mikkelsen seinen Psychopathen in der Pilotfolge stoisch und ohne einen Anflug von Gefühlsregung. Zwar gibt er sich als Feingeist und Mann von Welt, doch die Ambivalenz von Dexter fehlt ihm.

Stattdessen sieht man ihn mit Hingabe eine menschliche Lunge braten und anschließend verspeisen, beziehungsweise seinem von zu viel Empathie geplagten Gegenspieler Will Graham (Hugh Dancy) ein Proteincocktail kredenzen, deren Zutaten man lieber nicht kennen will. Mit Hannibal haben wir es also wieder mit einem Psychopathen der alten Schule zu tun. Reichlich gewalttätig, auf den Schockeffekt zielend und zu allen – im buchstäblichen Sinne – Unappetitlichkeiten bereit, präsentierte sich der „Hannibal“-Auftakt. Wirklich spannend oder originell war das nicht. Ohne die „Jekyll-&-Hyde“-Konstellation eines Dexter läuft „Hannibal“ offensichtlich nur auf die Gleichung pervers = brutal, brutaler, am brutalsten hinaus.

Kira Taszman

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