Pathos, Kampf und schlechte Zähne: „Der Hobbit – Smaugs Einöde“

     |    Wednesday, der 11. December 2013

The-Hobbit-The-Desolation-of-Smaug-wallpapers-1920x1200-8Wenn es um die Bewertung von Literaturverfilmungen geht, gibt es Nörgler, die finden, dass im Buch einfach alles sooo viel besser war. Dann gibt es die Pragmatiker: Sie können sich auf Neuinterpretationen der Filmemacher einstellen. Die letzte Gruppe bilden schließlich die glücklichen Ignoranten: Sie kennen die Vorlage nicht und gehen deshalb von eigenen Vorstellungswelten unbelastet in den Film.
Was nun Peter Jacksons zweiten Teil der Hobbit-Trilogie, „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ betrifft, muss ich mich outen: Ich gehöre eindeutig zur Fraktion der Nörgler. Was ist doch „Der Hobbit“ für ein schönes Buch: geeignet für Kinder von 8 bis 100, spannend, abwechslungsreich, aber auch rührend und – vor allem – humorvoll und ironisch. Nun weiß man spätestens seit „Der Herr der Ringe“, dass Peter Jackson die Ironie nicht erfunden hat, aber bei der Inszenierung eines über 1000 Seiten dicken Monumentalwerks ist das auch nicht weiter tragisch.
Doch dass der „Hobbit“ einfach zum Prequel von „Der Herr der Ringe“ degradiert wird, muss Lesern nicht gefallen. Denn das in den 1930ern geschriebene Buch ist in sich abgeschlossen. Erst nach Fertigstellung von „Der Herr der Ringe“ in den Fünfzigern baute Tolkien nachträglich kleine Hinweise ein, die auf sein Opus Magnum schließen lassen. Außerdem taugt der „Hobbit“ mit seinen 350 Seiten einfach nicht zur Film-Trilogie. Also walzt Jackson auf Gedeih und Verderb seine Story aus, erfindet Nebenschauplätze, baut Rückblenden ein und recyclet Figuren aus „Der Herr der Ringe“. Die bärtigen Zwerge, welche aufgebrochen sind, um gegen den blutrünstigen Drachen Smaug das Gold wieder zu erobern, das er ihnen abgeluchst hatte, stilisiert er gar zum vertriebenen Volk und heroisiert sie auf penetrante Weise.
So verändert Jacksons Entscheidung, auf Pathos, Kampf und Spezialeffekte statt auf Abenteuer, Verspieltheit und Ironie zu setzen, das Ambiente der Adaption so nachhaltig, dass auf dem Produkt zwar noch „Hobbit“ draufsteht, tatsächlich aber nicht mehr viel „Hobbit“ drin ist. Bilbo Beutlin, der Held des Buches, verkommt im Film fast zur Nebenfigur und so wird auch im zweiten „Hobbit“-Film gefightet, was die Zwergenschwerter, Elfenpfeile und Orkkeulen hergeben.
Figuren aus „Der Herr der Ringe“ absolvieren hier dramaturgisch wenig sinnvolle Kurzauftritte. Orlando Bloom sieht als Elf Legolas mit blondem Wallehaar zwar sehr malerisch aus, aber außer viel zu fighten und sich einige Sätze auf Elfisch mit Untertiteln abzubrechen, tut er nicht viel. Ach, halt: Eifersüchtig wird er auch, und dann beginnen seine blauen Kontaktlinsen bedrohlich zu blinken. Mit der Elfin Tauriel (Evangeline Lilly) hat Jackson nämlich ein Love Interest für ihn ersonnen, doch ihr Herz schlägt ausgerechnet für den gut aussehenden Zwerg Kili. Zauberer Gandalf hat sich von den Zwergen und dem Hobbit auf der Reise entfernt und muss sogar kurz auf einen von einer Feuer-Aura umloderten Sauron treffen, von dem Tolkien beim Verfassen des „Hobbits“ allerdings wohl selbst noch nichts ahnte.
thorinBilbo, unser listiger kleiner Hobbit, soll im zweiten Teil ebenfalls heldischer gemacht werden. Er hat in Gollums Höhle den Ring gestohlen, der unsichtbar macht (ja, es ist der Ring aus „Der Herr der Ringe“) – bloß warum setzt er ihn dann im Film nicht konsequent ein? Wohl, weil ein tapferer Hobbit im Kampf mit Riesenspinnen im Düsterwald und gar beim Gespräch mit dem riesigen feuerspeienden Drachen Smaug gern Gesicht zeigt. Dass ihm das schadet – wen schert’s, solange man daraus Action-Kapital schlagen kann.
Am Anfang des Films hat Peter Jackson einen Cameo-Kurzauftritt à la Alfred Hitchcock. Doch im Unterschied zum Master of Suspense, der wusste, dass man für die Erzeugung von Spannung auch mal die Zeit anhalten muss, geht Jackson mit seiner reichlich vorhandenen Zeit fahrlässig um. Zeit für Suspense – etwa die Befreiung der Zwerge aus der Elfenburg – wird eingespart und stattdessen in eine wilde Verfolgungsjagd mit blutrünstigen, potthässlichen Orks investiert. Die ist zwar hübsch laut und aufregend, aber ist sie wirklich spannend?
orkUnd überhaupt, diese Orks. Sie grunzen im Film ebenfalls im originalen Orkisch mit Untertiteln. Letztere hätte man sich angesichts des geringen Informationsgehalts der Dialoge (es geht nur um Kämpfen, Zerschmettern und Meucheln) sparen können. Auch würde den wenig attraktiven Monstern ein Gang zum Zahnarzt gut tun. Wie kontrastieren doch ihre verfaulten Mäuler mit den blendend weißen und wohlgeformten Zähnen der Zwerge! Die sehen zwar sonst ziemlich geschafft und vermodert aus, aber Mundhygiene muss sein. Somit bedient Jackson ein altes Hollywood-Klischee: Böse haben schlechte Zähne…
Doch genug der Meckerei. Anstatt sich über den martialischen, an einem Napoleon-Komplex leidenden, Oberzwerg Thorin aufzuregen, kann man Jackson anrechnen, ihn gänzlich unsentimental als überehrgeizigen Gesellen zu zeichnen, der beim Kampf um das Gold seiner Vorfahren über Leichen gehen würde. Auch die Ausstatter und Szenenbildner haben ganze Arbeit geleistet: So beeindruckt die auf Stelzen gebaute Seestadt Esgaroth durch ihre sorgfältig nachgebauten Holzkulissen. Und schließlich wäre da ja noch der großartig monströse Drache Smaug. Dem mit einem beeindruckenden Panzer ausgestatteten Lindwurm – im Original spricht ihn Benedict Cumberbatch in schönstem Shakespeare-Englisch – sieht man seine Herkunft vom CGI-Computer nicht an. Wenn er Flügel schlagend Feuer speit, freut man sich tatsächlich, im Kinosessel zu sitzen und nicht mit ihm konversieren zu müssen wie Bilbo.
Das vielleicht wichtigste Fazit von „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ lautet jedoch: Neuseeland ist eine Reise wert! Die prächtigen Naturkulissen werden im Film zu Recht ausgeschlachtet, und wenn einen die hektischen Abenteuer in Mittelerde ermüden, kann man sich im eigenen Kopfkino ohne weiteres auf die zauberhafte Vulkaninsel am anderen Ende der Welt begeben.
Kira Taszman

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