Ost-Pakete in Afrika: Interview mit Beatrice Möller und Susanne Radelhof über OMULAULE HEISST SCHWARZ

     |    Friday, der 24. October 2014

Der Dokumentarfilm OMULAULE HEISST SCHWARZ, jetzt als Online-Premiere bei realeyz, erzählt die einmalige Geschichter von Flüchtlingskindern aus Namibia, die während der Befreiungs- und Bürgerkriege im südlichen Afrika Ende der 70er Jahre von der DDR aufgenommen und eine „deutschdemokratische“ Sozialisation erlebt haben. Co-Regisseurinnen Beatrice Möller (deren SHALOM SALAM auch bei realeyz zu sehen ist) und Susanne Radelhof erzählen im exklusiven Interview über die Entstehung von OMULAULE HEISST SCHWARZ und bringt uns über die Protagonisten auf den neuesten Stand.

Was war die Motivation, dieses Thema filmisch zu bearbeiten, also Ursprung des Projekts?

Wir drei, Nicola Hens, Susanne Radelhof und Beatrice Möller, haben uns an der Bauhaus-Uni in Weimar kennen gelernt und wollten im Rahmen eines Projektes gern zusammen arbeiten. Die Geschichte der „DDR-Kinder“ hat uns sofort fasziniert. Die Vorstellung, dass kleine Kinder aus Afrika jahrelang in der DDR aufwuchsen, Pionierlieder sangen, deutsche Gedichte lernten und Sauerkraut mit Klößen aßen, ist eigentlich ein Kuriosum. Und diese Kinder dann von heute auf morgen in ihrer „eigentlichen Heimat“ im namibischen Busch abzusetzen, ein ziemliches Disaster.
Die Grundfrage des Films war klar die nach Heimat. Wer fühlt sich wann zuhause? Was macht Heimat aus? Wie sehr prägt das Gefühl der Heimatlosigkeit die Lebenswege? Das ist eine Frage, die jeden bewegt. Und so konnte auch jede von uns ihren persönlichen Hintergrund mit einbringen. Susanne war die DDR-Expertin. Sie ist in Thüringen aufgewachsen und brachte uns die Perspektive einer Kindheit im Osten Deutschlands näher. Nicola dagegen kommt aus Nordrhein-Westfalen und brachte einen gewissen objektiven Blick mit, sie hatte ganz andere Fragen an die DDR als Susanne, der vieles vertraut war. Beatrice hat acht Jahre ihrer Kindheit in Südafrika gelebt und war mit Namibia sehr vertraut. Ihre Kontakte vor Ort halfen uns sehr sowohl während unserer aufregenden Reise, als auch im Vorfeld, wir haben ja erst noch nach Sponsoren gesucht. Die Finanzierung war eine große Herausforderung, wir haben z.B. die Ferien durchgearbeitet, um uns die Flüge leisten zu können. Die Bauhaus-Uni ist ja keine Filmhochschule, da gibt es einfach keine Budgets. In diesem Sinne war der Film auch an der Uni ein ziemlicher Ausnahmefall. Und das unser Film, als Semesterarbeit begonnen, mal im Kino landen würde, hätte damals keine von uns geglaubt.

Nach welchen Kriterien habt Ihr die Protagonisten ausgewählt?

Im Zeitraum von acht Jahren wurden ungefähr 430 namibische Kinder in die DDR gebracht, und die, die später kamen, waren nur wenige Jahre in Deutschland. So haben wir uns von Anfang an auf die Jugendlichen konzentriert, die länger als elf Jahre in der DDR gelebt haben. Denn natürlich waren die Jugendlichen viel stärker sozialisiert und kulturell geprägt, sie fühlten sich wohl in Deutschland, wollten hier Abitur und eine Ausbildung machen. Auch spielte die Sprache eine wichtige Rolle, denn die meisten von ihnen sprachen perfekt Deutsch, ihre Heimatsprache Oshivambo dagegen kannten sie nur aus Kinderliedern. Für die Jugendlichen, die lange in der DDR gelebt hatten, war es ein Schock nach Namibia zurück zu kehren. Viele hatten keine Familie mehr oder konnten mit ihrer Familie nicht kommunizieren. Das Gefühl der Heimatlosigkeit war für sie besonders groß. Doch sind die „Omulaules“ mit diesem Schicksalsschlag ganz unterschiedlich umgegangen, und diese Bandbreite an Lebenswegen wollten wir im Film widerspiegeln. Da gibt es die ja „erfolgreichen“ Omulaules, die versucht haben, aus ihrer Situation etwas zu machen, die ihre gute Bildung und ihre Deutschkenntnisse genutzt haben und heute mitten im Leben stehen. Bei vielen war das Gefühl der Entwurzelung und der plötzlichen Einsamkeit aber auch zu groß, und sie haben bis heute Probleme in ihrem Leben richtig anzukommen.

Wie war die Recherchearbeit?

Die Recherche war unheimlich spannend. Wir sind in das ehemalige Kinderheim gefahren, was heute ein luxuriöses Jagdschloss ist, wir waren in der alten Schule und haben mit den Lehrern gesprochen, die noch heute so gerührt von dieser Zeit erzählen. Doch vor allem als wir erste Protagonisten in Deutschland und Österreich ausfindig machen konnten und ihre Geschichten erzählt bekamen, war klar, dass der Film eine Semesterarbeit bei Weitem sprengt. Wir mussten nach Namibia, wir wollten die Geschichten der „Omulaules“ erzählen, egal wie viele Semester dafür drauf gingen. Die Schicksale waren so unglaublich und individuell.

Am Anfang hatten wir Bedenken, ob wir überhaupt „Omulaules“ in Namibia ausfindig machen würden. Wir sind da runtergefahren ohne einen konkreten Kontakt, da gab es ja auch noch keine Facebook. Doch vor Ort war es viel leichter als gedacht, da viele „Omulaules“ noch miteinander in Kontakt stehen und eng befreundet sind. Und dann bekamen wir immer mal wieder einen Tipp: „Geht mal in den Friseurladen oder die Bank, dort arbeitet einer der perfekt Deutsch spricht…“ Einmal wollten wir einfach nur mal Pause machen und saßen in einem Café rum, da haben drei Jungs am Nachbartisch lauthals auf Deutsch geplaudert, so haben wir Nessi, Theo und Lulu kennengelernt. Und in Windhoek sprach es sich dann auch schnell rum, dass da drei Frauen aus Deutschland sind, die über die „Omulaules“ einen Film machen möchten.

Omulaule_Blog

Wie lange habt Ihr insgesamt die Protagonisten begleitet? War es schwierig, sie für das Projekt zu gewinnen?

Wir haben ungefähr acht Wochen in Namibia gedreht und noch mal zwei Wochen in Deutschland und Österreich.
Vorab hatten uns andere Filmemacher abgeraten und gemeint, die „Ex-DDR-Kinder“ würden keine Interviews geben, sie hätten zu schlechte Erfahrung mit den Medien gesammelt. Doch als wir dann vor ihnen standen, war jede Skepsis ihrerseits verflogen. Wir waren im selben Alter, haben viel Zeit miteinander verbracht, geredet, gefeiert und mit ihnen ihr Land bereist. Sie haben schnell gespürt, dass wir an ihren wirklichen Geschichten interessiert sind und ihnen zuhören. Und das merkt man den Interviews auch an. Zudem war es lustig, da mitten in Namibia mit „Omulaules“ alte Pionierlieder zu singen und DDR-Erinnerungen auszukramen. Auch hatten wir kleine „Ost-Pakete“ mit Knusperflocken & Co. dabei, das weckte alte Erinnerungen…

Was waren die Reaktionen der Protagonisten auf den fertigen Film?

Wir waren natürlich sehr gespannt, wie die Protagonistin den fertigen Film aufnehmen würden, zumal ihre bisherige Erfahrungen mit den Medien ja ziemlich enttäuschend gewesen war. Doch wirklich alle mochten den Film und fanden sich darin wieder. Sie konnten sich mit dem Bild, das der Film von Ihnen wiedergibt identifizieren. Das war eine enorme Erleichterung für uns und eine tolle Bestätigung für unsere Arbeit.

Habt Ihr noch Kontakt? Wie ist es für manche seitdem weitergegangen? Plant Ihr vielleicht ein Follow-Up über 10 Jahre danach?

Mit einigen sind wir noch in Kontakt. Man trifft sich sogar manchmal zufällig, was immer eine große Freude ist.
Unsere Protagonisten sind sehr unterschiedliche Wege gegangen. Einen Todesfall hat es leider auch gegeben. Manche haben Familien gegründet, sich jobmäßig verändert. Doch ein Follow-Up wird es nicht geben.

Am Ende lasst Ihr die Protagonisten über Negativbeispiele (Buch, TV-Produktion) erzählen. Wie hat sich Eure Arbeit davon unterschieden?

Viele der Journalisten, die über die „Ex-DDR-Kinder“ berichten wollten, sind mit einer festen Vorstellung in Namibia gelandet und wollten eine Mitleids-Story erzählen. Doch die Geschichten sind differenzierter und individueller. Nicht auf jeden „Omulaule“ hat das Bild des heimatlosen und orientierungslosen Opfers gepasst, manche haben auch unheimlich davon profitiert und fühlen einen starken Halt in der „Familie der Omulaules“. Wir waren einfach offen und vorbehaltlos und haben voller Neugier ihre Geschichten angehört und waren dankbar für das entgegengebrachte Vertrauen. Wir hatten einfach eine gute Zeit zusammen und haben auch mal die Kamera abgeschaltet, wenn wir einfach zusammen Spaß haben wollten.

Was sind Deine/Eure nächsten Filmpläne?

Wir drei arbeiten alle weiter im Filmbereich und sind mit unterschiedlichen Produktionen beschäftigt.
Mehr dazu findet ihr auch unseren Webseiten:
https://nicolahens.wordpress.com/
www.beamoeller-film.com

Interview:
Natalie Gravenor
Google+