OPEN SOULS von Volker Meyer-Dabisch

    |    Tuesday, der 30. December 2014

Der Frisbee-Spieler Alberto, der im Görlitzer Park in Berlin regelmäßig seine Wurf- und Fangkünste zur Schau stellt, war bereits ein Protagonist von Volker Meyer-Dabischs Dokumentarfilm DER ADEL VOM GÖRLI. Widmete sich der Regisseur darin jenen Berlinern, die durch Gentrifizierung von ihrem Kreuzberger Kiez entfremdet wurden, schlägt er mit der anschließenden Doku OPEN SOULS ein wenig bekanntes, aber umso schmerzlicheres Kapitel bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte auf.

Alberto, mit bürgerlichem Namen Herbert Schmidt, ist einer der beiden zentralen Charaktere des Films. Der andere ist Rudi Richardson, ehemals Udo Ackermann. Beide kamen als Kinder einer weißen deutschen Mutter und eines afroamerikanischen US-GIs zur Welt.

Zwischen 1945 und 1955 wurden in der Bundesrepublik Deutschland etwa 5.000 so genannte „Negermischlinge“ geboren. Schon die rassistische Bezeichnung (sie ist noch sehr vom Geist der nationalsozialistischen Nürnberger Gesetze geprägt) für diese Kinder lässt erahnen, welchen Status sie in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft einnahmen. Als „Kinder der Schande“ verunglimpft, wurden sie oft in Pflegefamilien oder Heime abgeschoben.

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OPEN SOULS ist das erschütternde Dokument einer zweifachen verpfuschten Jugend. In Gesprächen mit dem Filmemacher legen Alberto und Rudi tiefe Wunden offen, erzählen von – für den Zuschauer unfassbaren – Misshandlungen und Demütigungen. Beide haben bis heute an den Folgen ihrer Torturen zu leiden. Beide sind im Erwachsenenalter auf die schiefe Bahn geraten und versuchen bis heute mit mehr oder weniger Erfolg, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Alberto wurde als Vierjähriger von seinem sadistischen deutschen Großvater, einem überzeugten Nazi, fast zu Tode geprügelt. Kurz darauf trennte man ihn im Kinderheim von seiner drei Jahre jüngeren Schwester. Dieses Trauma bestimmt das Leben des Mittfünfzigers bis heute: Er hat sich die Suche nach der Schwester zur Lebensaufgabe gemacht, doch scheint ihm die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens nicht bewusst zu sein.

Außer durch Worte charakterisiert der Regisseur die beiden Protagonisten durch Handlungen. Rudi findet im christlichen Glauben Halt und hat in seiner Wahlheimat London einen Verpflegungsdienst für Obdachlose gegründet. Man mag kaum glauben, dass dieser lebhafte, kräftige Mann so viele Schicksalsschläge erlitten hat: Nach jahrelangem Dienst für die US-Armee stellte der im frühen Kindesalter in die USA zu Pflegeeltern gegebene Rudi fest, dass er nie amerikanischer Staatsbürger geworden war. Als er in fortgeschrittenem Alter, als mehrfacher und geschiedener Vater, wegen Drogenmissbrauchs ins Gefängnis musste, wurde der Mann, der außer seinem Pass nichts Deutsches an sich hatte, nach Deutschland abgeschoben.

Gemeinsam ist beiden Männern ihre tragische Vergangenheit. Rudi wurde als Kind sexuell missbraucht, ein Gefühl von Heim oder Heimat wurde ihm nie gewährt, ebenso wenig wie Alberto. Während dieser sich beim Frisbeespielen ein Ventil schafft, lebt er als Grafiker seine künstlerische Ader aus. Die hat auch der musizierende Rudi, dessen eines Gedicht dem Film seinen Titel gibt.

Meyer-Dabisch fängt die Lebensberichte seiner Helden ohne Voyeurismus ein. Die gewollt subjektive Perspektive ermöglicht den beiden Unverstandenen, sich endlich uneingeschränkt und in ihrem Sinne (öffentlich) zu äußern. So vermittelt der Regisseur anhand zweier Einzelschicksale ein Gefühl dafür, wie aus kollektiver Gleichgültigkeit oder Grausamkeit heraus eine Generation von verlorenen Kindern heranwuchs.

Kira Taszman
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