Nikolaj Lie Kaas – Dänischer Schauspielvirtuose in „Erbarmen“ und auf realeyz.tv

     |    Saturday, der 1. February 2014

Warum läuft Nikolaj Lie Kaas nur immer mit dieser Leichenbittermiene durch seinen neuesten Film? Der düstere dänische Thriller „Erbarmen“ ist die Adaption von Jussi Adler-Olsens gleichnamigem Erfolgskrimi, und dessen griesgrämiger Held, Kriminalkommissar Carl Mørck, hat wahrlich keinen Grund zu lachen. Seine Frau hat ihn verlassen, sein bester Freund ist nach einem Attentat vom Hals abwärts gelähmt und er selbst wurde angeschossen und leidet immer noch an dem Trauma. Mit seinem syrischen Assistenten Assad (Fares Fares) muss er den Fall um eine verschwundene Politikerin neu aufrollen. Beide agieren im Sonderdezernat Q, einer eigens für Carl erdachten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, bei der er ungelöste Fälle aufklären soll.

Als vom Leben nicht verwöhnter und für das Leben nicht besonders geschaffener Carl Mørck ist Nikolaj Lie Kaas eigentlich zu jung – der Kommissar im Buch hat ein paar mehr Jahre auf dem Buckel. Dennoch ist er in der Rolle absolut glaubwürdig. Ja, Nikolaj Lie Kaas (*1973), einer der begabtesten und international anerkanntesten dänischen Schauspieler, kann alles spielen: Gesetzeshüter, aber auch Opfer, Verbrecher, Liebhaber oder Feiglinge. In seiner Heimat hat er mit Regie-Assen wie Lars von Trier, Susanne Bier und Anders Thomas Jensen gearbeitet.

Von Lie Kaas‘ außergewöhnlichem Talent kann man sich auch auf realeyz.tv überzeugen. In Lars von Triers Skandal-Film IDIOTEN (1998) spielt er Jeppe, der sich mit einer Gruppe von Salon-Revolutionären als geistig behindert ausgibt, um dem Establishment eines auszuwischen. Den unter dem Gruppenzwang leidenden Junior der Truppe mimt Lie Kaas sensibel und intensiv zugleich. Auch dem jungen Mann in Susanne Biers meisterlichem Drama OPEN HEARTS, der sich mit Zynismus gegen sein bitteres Schicksal wehrt – nach einem Unfall ist er gelähmt – gilt die Sympathie des Zuschauers. In Jannik Johansens TODESHOCHZEIT mimt er einen Journalisten, in Ole Bornedals BEDINGUNGSLOS einen klassischen Fiesling und in der amüsanten Gangster-Komödie STEALING REMBRANDT – KLAUEN FÜR ANFÄNGER einen Kleinkriminellen. Nikolaj Lie Kaas ist multipel einsetzbar: Auch erste Gehversuche in Hollywood hat er gemacht, selbst wenn „Illuminati“ nicht zu den besten Filmen Ron Howards gehört.

Doch zurück zu dem seit einer Woche in den Kinos laufenden Thriller „Erbarmen“. Um die als vermisst geltende Jungpolitikerin Merete Lynggaard zu finden, die in Wirklichkeit seit Jahren von einem Irren in einer riesigen Druckkammer gefangen gehalten wird, nimmt Lie Kaas‘ Carl Mørck keine Rücksicht auf Verluste. Sein angestachelter Spürsinn, der dem seines jovialen Assistenten aus dem Mittleren Osten in nichts nachsteht, gepaart mit seinem permanenten Missmut, lässt sich von keiner Anstandsregel und keinem Mitleid bremsen. Ob er den behinderten Bruder der Politikerin, dessen Pflegepersonal oder seine eigenen Vorgesetzten verprellt: Mørck konzentriert sich geradlinig auf seinen Job.

Zwar gelingt es dem Film nicht, Details zu vertiefen. Das ist schade, zumal gerade die Figur des Carl im Buch durch die Schilderung seiner Lebensumstände um einiges komplexer und humorvoller gezeichnet wurde. So beschränken sich Buch (Nikolaj Arcel, „Verblendung“, „Die Königin und der Leibarzt“) und Regie (Mikkel Nørgaard) auf die notwendigsten Handlungslinien und vermitteln den pessimistischen Tenor des Buches. Dagegen macht der Film Carls Sidekick Assad deutlich jünger und moderner, lässt ihn Hip Hop hören und nicht mit der Grammatik der dänischen Sprache hadern.

So funktioniert der Film leidlich als reines Whodunit, auch wenn er an jüngere skandinavische Vorbilder wie die Adaption der „Millennium“-Trilogie nicht heranreichen kann. In Erinnerung bleiben wird jedoch vor allem Nikolaj Lie Kaas: mit seiner Unmutsfalte auf der Stirn, dem verbiesterten Gesichtsausdruck und seiner maulfaulen, miesepetrigen Art, die ahnen lässt, welche Qualen sein Protagonist verbirgt.

Kira Taszman

 

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