Night Moves

     |    Tuesday, der 19. May 2015

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Wann wird man vom Umweltaktivisten zum Umweltterroristen? Wie lassen sich Anschläge und Gewissen miteinander vereinbaren? Diese Fragen verhandelt Kelly Reichardt in ihrem Drama um drei junge Idealisten, die sich durch ein Öko-Attentat schuldig machen. Nachdem Zal Batmanglij mit „The East“ 2013 aus einem ähnlichen Thema einen Thriller machte, konzentriert sich Reichardt, Meisterin des Minimalismus, in ihrem neuen Film mehr auf Psychologie und Gruppendynamik. Auch die schauspielerischen Leistungen ihres namhaften Dreierensembles – Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgaard – sorgen für das Gelingen dieses so packenden wie aktuellen Films.

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Josh (Eisenberg) lebt und arbeitet in einer autarken Öko-Kommune auf dem Land. Seine Bekannte Dena (Fanning) ist in einem Wellness-Unternehmen beschäftigt. Bald sieht man den verschlossenen jungen Mann und die Tochter aus gutem Hause ein Motorboot kaufen. Doch zum Vergnügen brauchen die beiden das Kleinschiff nicht. Es soll lediglich Mittel zum Zweck einer großen Aktion werden. Gemeinsam mit dem Ex-Soldaten und Umweltaktivisten Harmon (Sarsgaard) planen Josh und Dena ein Attentat auf einen Staudamm. Sie wollen über ihre private, ökologisch bewusste Lebensweise hinaus ein Zeichen gegen Verschwendung und Umweltzerstörung setzen.

Minutiös schildert Regisseurin Kelly Reichardt die Vorbereitungen auf den Anschlag. Noch sind nicht alle Ingredienzien für die Durchführung des Plans beschafft worden. So wird Dena von dem zwielichtigen Harmon vorgeschickt, um einen Spezialdünger für die Mischung des Sprengstoffs zu besorgen. Die Szene ist von beträchtlicher Intensität, bringt sich die junge Frau durch eine Videokamera in dem Laden doch in einige Gefahr. Trotz einiger Spannungen in der Gruppe – der schüchterne Josh ist offensichtlich in Dena verschossen, wird aber von dem draufgängerischen Harmon ausgebootet – kommt es tatsächlich zur Ausführung des Vorhabens.

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Gerade sein verhaltenes Tempo und sein geschickter Umgang mit Ton – gefährlich laute Geräusche in der Stille – und Zeit, die in Schlüsselszenen geradezu angehalten wird, machen den Film so spannend. Eine Panne droht das Attentat in letzter Minute zu vereiteln: Dabei scheint die Filmzeit in Echtzeit zu vergehen und strapaziert die Nerven von Figuren und Publikum. Nach der erfolgreichen Durchführung des Unternehmens und dem Entkommen vor der Polizei tritt Erleichterung beim Trio ein, aber nicht lange. Denn ein Camper wird vermisst, der in der Nähe der Explosionsstelle sein Lager aufgeschlagen hatte. Das nun folgende Auseinanderbrechen der Gruppe, Gewissensbisse hier, Verdrängung und Gleichgültigkeit dort, sorgen für weitere anhaltende Spannung.

Dabei stellt Reichardt ihre Fragen nach Schuld und Gewissen durch eine eindringliche Beobachtung ihrer Figuren. Paranoia, Depressionen und die Angst um die eigene Zukunft bei Josh und Dena drücken sich in gezielten Kamerabewegungen, Mimik und Gestik aus. Das Kino der Kelly Reichardt ist eines vieler kurzer prägnanter Handlungen, die in ihrer Aneinanderreihung und ihrem Schnitt Sinn ergeben. Auch leichte Symbolik – wie der Tod eines Rehs auf der Straße als Vorbote des Unglücks – fügt sich als weiteres Stilmittel in den mit meisterlicher Zurückhaltung erzählten Film ein. Dabei verzichtet „Night Moves“ auf Verurteilungen und setzt auf nachvollziehbare psychologische Dynamiken und Prozesse – zur Freude des Betrachters.

Kira Taszman

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