Lesben und Schwule in der DDR: Out in Ost-Berlin

    |    Friday, der 16. January 2015

In einem Land, in dem die „Mutti“ als Gesellschaftsideal galt, hatten es Schwule und Lesben schwer. Zwar war in der DDR der berüchtigte Paragraph 175, der seit Kaisers Zeiten (männlichen) homosexuellen Sex unter Strafe stellte, ab Ende der 1950er Jahre de facto abgeschafft, zehn Jahre bevor er in der Bundesrepublik entschärft wurde. Dennoch führten Schwule und Lesben in der DDR ein Schattendasein. Sie passten nicht in das gesellschaftliche Ideal der sozialistischen Familie.

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Jochen Hick lässt in seiner Doku OUT IN OST-BERLIN Schwule und Lesben zu Wort kommen, die in der DDR sozialisiert wurden und erstellt so ein spannendes Porträt von Menschen zwischen Anpassung, Auflehnung, Zusammenhalt und Überwachung. So tauchte der Ost-Berliner Peter ab Ende der 50er Jahre in die West-Berliner Schwulenszene ein und wurde von seinem ersten Freund durch den Mauerbau getrennt. Marina und Klaus standen dem Sozialismus durch Erziehung oder Überzeugung nahe. Doch ihre Sexualität vertrug sich offenbar nicht mit der Staatsdoktrin. Marina schloss sich in den 70ern einer Lesbengruppe um Marinka und Bettina an. Nachdem ihr Versuch, lesbische Opfer im KZ Ravensbrück mit einem Kranz zu ehren, von der Polizei brutal unterbunden wurde, konnte Marina nicht mehr in der DDR leben. 1986 siedelte sie in den Westen über.

OUT_Bausdorf_StrandKlaus dagegen – er wollte in der 6. Klasse „Berufsrevolutionär“ werden – lenkte die Aufmerksamkeit seiner Parteigenossen auf Schwule und Lesben und verfasste dazu ein Aktionspapier. Dafür wurde er aus der SED ausgeschlossen. Andere übten sich in innerem Widerstand. Christian etwa las in der DDR verbotene Literatur wie Orwells „Animal Farm“ und wurde Christ. Dadurch und durch den Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung für seine sexuelle Orientierung entwickelte er Schuldgefühle, wenn er Sex mit Männern hatte. Schwule Subkultur gab es nur sehr versteckt und wenn, dann meist in Großstädten wie Leipzig – mit einer florierenden Cruising-Landschaft im Schillerpark – oder Ost-Berlin. Dort gab es schwule Kneipen und private Partys.

OUT_HIB_Eggers_Rausch_1Solange Schwule und Lesben in der DDR sich unauffällig verhielten und ihre Sexualität im Privaten auslebten, wurden sie in Ruhe gelassen. Doch sobald sie aus dem ausscherten, was als regelkonform angesehen wurde, gab es Probleme. So wurde der Fotograf Andreas, weil er keiner Arbeit nachging und keinen festen Wohnsitz hatte, als IM der Stasi angeheuert. Auch als sich Schwule und Lesben ab den 70ern immer mehr organisierten, vor allem unter dem Dach der Kirche, gerieten sie ins Visier von Partei und Staat. Öffentlichkeit für Homosexuelle war in der DDR nicht vorgesehen. Gern winkte man von offizieller Seite mit dem Totschlag-Argument, dass so etwas „den Werktätigen“ nicht zuzumuten sei.

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Wie Schwule und Lesben unter dem Druck von oben immer enger zusammenrückten, machen in der Doku die anschaulichen und persönlichen Aussagen der Betroffenen transparent. Tragisches kommt zutage, wie von Stasi und Polizei zerstörte Freundschaften und Beziehungen.  Zuweilen allerdings nahm die Bespitzelung auch lächerliche und absurde Züge an. Die so genannten „Romeos“ der Stasi, die als Liebhaber auf Schwule angesetzt waren, um sie besser aushorchen zu können, mussten teilweise in schwulen Sexpraktiken geschult werden. Bezeichnend ist auch, dass viele Schwule und Lesben an der DDR als ihrem Land festhielten. Andere wiederum wurden nach der Wende zu komplett anderen Persönlichkeiten, weil sie ihre Träume und Wünsche endlich ohne Wenn und Aber ausleben konnten. Heute sind die Protagonisten aus Jochen Hicks Film in der einheitsdeutschen Realität angekommen. Ein „Politikum“ sind sie nun nicht mehr.
Kira Taszman

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