Kontroll: Going Underground

     |    Thursday, der 13. November 2014

Eine meiner ersten Auslandsreisen hat mich in den achtziger Jahren in die ungarische Hauptstadt geführt und gerade auch die Budapester Metro hat damals einigen Eindruck auf mich gemacht. Viel Chrom, riesige Rolltreppen, schnelle Züge. Die melodiösen (und für mich natürlich unverständlichen) Ansagen bekam man bald nicht mehr aus dem Kopf: „Tessek vigyazni, az ajtok zarodnak“, was wohl soviel wie „Vorsicht, die Türen werden geschlossen“ heißt. Alles wirkte sehr modern. Auf dem Bahnhofsvorplatz und auch in der Metro gab es allerdings auch eine Menge Armut zu sehen. Ich erinnere mich noch heute daran, wie ein paar Bettler die Stümpfe ihrer versehrten Gliedmaßen vorzeigten, um ein paar Forint zu bekommen.

Tiberius_Kontroll_Jeder_muss_bezahlen_chapter_1Im Kosmos der Budapester Metro spielt gut zwanzig Jahre später Nimród Antals  Debütfilm KONTROLL, der zu den erfolgreichsten, ungarischen Filmen der letzten Jahre zählt und beim Filmfestival in Cannes mit dem „Award of the Youth“ausgezeichnet wurde. Die Geschichte: Bulcsú, der Held des Filmes, gehört zur Truppe der Fahrkartenkontrolleure, die sich tapfer Tag und Nacht ihrer Pflicht stellen. Sie, die eigentlich die Sachwalter der Ordnung in dem unterirdischen Labyrinth sein sollen, werden sichtlich verachtet, von den Fahrgästen lächerlich gemacht, angepöbelt und nicht selten auch angegriffen. Von ihren „Kollegen“ anderer Kontrolltrupps werden sie provoziert und von ihren Vorgesetzten schlecht behandelt. Die Zeichen ihrer alltäglichen Sisyphos-Mission tragen sie stoisch: hier eine kaum verheilte Wunde, da eine gebrochene Nase, da ein abgerissenes Hemd…

Tiberius_Kontroll_Jeder_muss_bezahlen_chapter_5Bootsie, ein flinker Schwarzfahrer, fordert sie jeden Tag aufs Neue heraus, narrt und piesackt sie. Und als ob das nicht schon genug ist, häuft sich die Zahl ein mysteriöser Todesfälle-immer mehr unschuldige Fahrgäste werden von einfahrenden Zügen erfasst und überfahren. Aus dieser Welt, die keine Sonne, sondern nur Neonlampen kennt, scheint es kein Entkommen zu geben. Bulcsú schläft hier sogar. Aber dieses Jammertal ist auch selbstgewähltes Schicksal. Hier gibt es Abenteuer, hier sind sie Gut-Freund miteinander. Und wenn man es am wenigsten erwartet, begegnet man seiner Traumfrau in einem seltsamen Bärenkostüm…

Tiberius_Kontroll_Jeder_muss_bezahlen_chapter_9KONTROLL enthält auf den ersten Blick viele Zutaten des Genrekinos: wilde Verfolgungsjagden, martialische Rituale, blutige Prügeleien und einen mysteriösen Serienkiller. Aber der Film ist viel mehr. Vorangetrieben von einem magischen Soundtrack wird er zu einer surrealen Geisterfahrt voll Humor und Härte, ist zugleich voller Charme und Melancholie. Man geht sicher nicht zuweit, wenn man ihn auch als eine Metapher der ungarischen Gesellschaft versteht, der mehr und mehr ihre menschlichen Werte abhanden zu kommen drohen. Werden Bulcsú und seine Freundin einen Ausweg finden? In jedem Fall: Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges!

FrankZ

Google+

 

 

FrankZ