Klaus Stern – Über VERSICHERUNGSVERTRETER und dynamische Manager

     |    Friday, der 31. October 2014

klaus stern 01Klaus Stern hat offensichtlich ein Faible für Größenwahnsinnige. Jedenfalls dreht der renommierte und preisgekrönte Dokumentarfilmer gerne Filme über sie. Was treibt gewisse Männer an, in allem, was sie tun, der Beste sein zu wollen? Oder derjenige, der am meisten Geld scheffelt? In seinen Filmen geht Stern diesen Fragen auf den Grund, dokumentiert die Objekte seines Interesses ohne moralischen Zeigefinger oder Häme, aber durchaus kritisch.

In der Doku LAWINE – LEBEN UND STERBEN DES WERNER KOENIG porträtiert Stern den Filmunternehmer Werner König (1963-2000). Dieser draufgängerische junge Mann teilte seinen Tatendrang auf zwei Gebiete auf: das Kino und den Sport. Ab den Achtzigerjahren gründete er diverse Produktionsfirmen und machte sich als Produzent von Musikvideos einen Namen, bevor er schließlich 1991 das börsennotierte Unternehmen Helkon aufbaute.

Mit großen Playern wie Leo Kirch und Bernd Eichinger wollte er es national aufnehmen, und warum nicht gleich mit Hollywood? So setzte er in der deutschen Kinolandschaft deutliche Akzente und wurde einer der Helden der New Economy. Neben dem Kino hatte der Ur-Bayer jedoch noch zwei andere Leidenschaften: das Segeln und vor allem das Skifahren. Auf der Piste – besonders gern bei Neuschnee – konnte er seinen Geschwindigkeitsrausch ausleben. Geduldig war er nicht. Ausprobieren wollte er alles.

Bereits 1993 wird ihm eine Lawine in den bayerischen Alpen fast zum Verhängnis. Er überlebt schwer verletzt und braucht ein Jahr, um sich wieder normal bewegen zu können. Doch alsbald nimmt er seinen halsbrecherischen Lebensstil wieder auf. In einer Talkshow sagt er, dass er unter dem Schnee ganz ruhig gewesen sei, den Tod akzeptiert hätte. Sieben Jahre später meint es das Schicksal nicht mehr gut mit ihm. Fünf Stunden vor seinem tödlichen Unfall im Schweizer Verbier simst er an diverse Freunde, dass er Angst habe, die Ski-Exkursion nicht zu überleben.

Dass der fatale Unfall eintrifft, wundert keinen seiner Bekannten und Freunde. Schmerzen tut sie es sehr. Koenig hat alles auf eine Karte gesetzt, kein Risiko gescheut, keine Sekunde still gehalten. Er war ein charismatischer Mensch, der das Leben in vollen Zügen leben wollte. So lernt man ihn aus öffentlichen Interviews als dynamischen, sympathischen Zeitgenossen kennen. Dass er seine eigenen Fehltritte gern heruntergespielt hat, ergibt sich aus den gegengeschnittenen Interviews seiner Freunde, Partner und Lebensgefährtinnen. Doch alle halten sein Andenken hoch.

klaus_stern_2_bisEin anderer Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte ist Mehmet Göker. Seinen Aufstieg und Fall beschreibt Sterns Doku VERSICHERUNGSVERTRETER – DIE ERSTAUNLICHE KARRIERE DES MEHMET GÖKER. Dessen MEG AG, Versicherungsmakler für private Krankenversicherungen, war 2009 die zweitgrößte in Deutschland. Göker war der dynamische, mitunter charmante, aber auch autokratische und kritikresistente Herrscher über sein Versicherungsimperium. Dieses baute er wie eine Sekte auf. Bei großen Firmenevents, die einer Oscar-Verleihung glichen, zeichnete er seine Lieblingsmitarbeiter per Kniefall aus.

Je überdimensionierter, desto besser lautete das Motto dieses typischen Neureichen. Kein Statussymbol ließ er aus – Ferrari, Villa, großangelegte Partys. Für die Mitarbeiter und Partner, die sein Spiel mitmachten, vor ihm kuschten oder viele Vermittlungen nach Hause brachten, spendierte er Schmankerl wie Designerkleidung oder Incentive-Reisen. Angestellte, die er als faul oder aufmüpfig empfand, machte er in Mitgliederversammlungen öffentlich fertig, schreckte weder vor Beleidigungen, noch Drohungen zurück. Wer einmal in Ungnade gefallen war, konnte von heute auf morgen gefeuert werden.

Ehemalige Mitarbeiter schildern die Megalomanie Gökers, seine Paranoia, sein explosives Wesen. Göker selbst nutzt Sterns Langzeitbeobachtung, um sich selbst als dynamischen und großzügigen Macher darzustellen. Sein türkischer Migrationshintergrund und seine relativ bescheidene soziale Herkunft – sein Vater war Schuhmacher – beflügelten seine Drang nach Aufstieg.

Er begnügte sich nicht mit Krümeln, sondern wollte den gesamten Kuchen. Dass derlei übersteigerter Ehrgeiz und Geldgier irgendwann nach hinten losgehen, offenbarte sich auch bei Göker. Nach einer Steuer-Razzia im September 2007 wird er zu einer Geldstrafe von 720.000 Euro verurteilt. Zwei Jahre später tritt er als Vorstandsvorsitzender der MEG AG zurück, verkauft seine Firma, meldet kurz später Insolvenz an. Im Jahre 2011 belaufen sich seine Schulden auf 21 Millionen Euro.

Doch Einsicht oder Selbstkritik sucht man bei Göker vergeblich. Er präsentiert sich lieber als Lebemann, der mehrere Gänge heruntergeschaltet habe und nun seine Freunde in einem luxuriösen Anwesen in der Türkei verwöhnt. Klaus Stern ist für seine Doku verklagt worden – doch interessanterweise nicht von Göker. Es waren dessen ehemalige Geschäftspartner von privaten Krankenversicherungen. Sie wollten mit dem Gestrauchelten nicht mehr in Verbindung gebracht werden und den Regisseur zwingen, Sequenzen für immer aus dem Film zu schneiden, in denen sie zu sehen sind. Der Filmemacher ließ sich das nicht gefallen. Im Unterschied zu seinem Filmhelden setzt er mehr auf Integrität denn auf publicityträchige Selbstinszenierung.

Kira Taszman

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