Kein Bokk auf Strehba, Leera, Schuhle – Fack ju Göhte

     |    Friday, der 29. November 2013

2CA4958_1400„We don’t need no education“, schmetterte einst ein Chor renitenter englischer Schulkinder unter Anweisung von Pop-Manipulator Roger Waters in Pink Floyds „Another Brick in the Wall“. Den Stolz auf ihren Mangel an Bildung bezeugten die jungen Sänger nicht nur durch ihren leicht prolligen Akzent, sondern auch durch die falsche Grammatik des Refrains. Doch was ist die schon gegen die Rechtschreibung von „Fack ju Göhte“, den Titel der neuesten deutschen Erfolgskomödie? Fünf Fehler in drei Wörtern – alle Achtung (auch wenn dabei die Bemühung der Macher um maximalen „Witzischkeit“sgewinn durchschimmert).
Was der Song und der Film gemeinsam haben? Ihre Anbiederung an den Durchschnittspennäler und seine Null-Bock-Haltung gegenüber der Institution Schule als solcher und fiesen, ungerechten oder inkompetenten Lehrern im Besonderen. Bei einer Komödie über Schule ist diese Einstellung ein Muss (im Unterschied zum Drama à la „Dangerous Minds“), und angesichts des ungerechten bundesrepublikanischen Schulsystems a priori auch nichts Schlechtes. Doch lässt sich der phänomenale Kassenerfolg von „Fack ju Göhte“ nur aufgrund der „Schule-ist-doof“-Prämisse erklären?
Wohl kaum, schließlich laufen nicht nur Schüler in den Film. Bei einer Berliner Abendvorstellung am vorgestrigen Mittwoch sichtete die Autorin dieser Zeilen auch einen nobel gekleideten Herrn – Marke Universitätsprofessor – samt Gattin, mindestens zwei Zuschauer mit dem höchsten Bildungsabschluss Abitur und einen mit abgeschlossenem Studium* sowie viele junge Erwachsene (darunter auch Klischee-Blondinen) und ein paar ältere Semester, deren Bildungshintergrund nicht eindeutig zu klären war. Denn unabhängig von seinem Thema ist der Film des Drehbuchautors und Regisseurs Bora Dagtekin zunächst einmal eine deutsche Komödie – eher auf Holzhammerlustigkeit denn  schwärzeren Humor setzend und damit für ein breiteres Publikum hier zu Lande durchaus geeignet.

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Und es ist ja auch nicht so, dass es bei „Fack ju Göhte“ nichts zu lachen gäbe. Bei der Geschichte um den ehemaligen Bankräuber und Ex-Knacki Zeki Müller, der sich als  Aushilfslehrer in einer Schule verdingt, damit er nachts auf dem Schulgelände nach seiner dort vergrabenen Beute buddeln kann, macht es schon einmal Spaß, das ungeahnte komische Talent deutscher Schauspieler/innen zu entdecken. So ist Katja Riemann als pragmatische Schuldirektorin wirklich lustig, und sogar Uschi Glas (!) beweist in einem Cameo-Auftritt Selbstironie. Dass kleine Mädels auf den souverän agierenden Hauptdarsteller Elyas M’Barek abfahren, versteht man ebenfalls – zudem stimmt die Chemie mit seiner Filmpartnerin Karoline Herfurth, welche die strebsame Referendarin Schnabelstedt gibt.
Auch hält sich die Komödie brav an gewisse (un-)geschriebene Gesetze des Lehrerfilms. Der Pauker und seine Schüler dürfen sich am Anfang nicht grün sein: So wird Zeki am ersten Tag durch einen wahren Overkill an Schülerstreichen mit Kleber und Exkrementen besudelt und endet als geteertes Huhn. Doch spätestens, wenn er seine Schutzbefohlenen per Paintball-Knarre zum Unterricht ordert , macht er klar, wer hier mit der schärferen Munition schießt. So weit, so unsubtil, so gut.
Michelle Pfeiffer in „Dangerous Minds“ brachte ihren Ghetto-Kids immerhin die Lyrik eines Bob Dylan nahe, während der vor Güte überbordende Robin Williams in „Der Club der toten Dichter“ seine von dominanten, reichen Eltern gebeutelten Schützlinge sogar komplett zu Poeten schlug. Auch abgewrackte, drogenabhängige Lehrer wie Ryan Gosling in dem eindringlichen HALF NELSON (hier auf realeyz.tv zu sehen) schaffen es, ihre Klasse zu motivieren.
Doch in dem sich subversiv gebenden „Fack ju Göhte“ (boah: die krassen Schimpfwörter – Scheiße, fick dich, Schlampe, blasen – und boah: der coole, Joints rauchende Ex-Knacki, der im Bordell übernachtet) erfolgt die Motivation zum einen als Selbstmotivation: So wird der ehemalige Kleinganove geläutert und führt den Schülern seiner 10b – darunter eine obligatorische Chantal, aber kein Kevin oder Justin – zur Abschreckung bei der Klassenfahrt ein paar Asoziale vor: Hartz-4-ler oder Nutten. Graue Mäuse verwandelt Zeki in Sexbomben und auch aus der frigiden Schnabelstedt wird der Neu-Pädagoge schon noch eine ‚richtige‘ Frau machen. Auf den kleinsten gemeinsamen Verständnisnenner wird schließlich die Sprache von Shakespeare – „der ist ja schon seit 4000 Jahren tot“, wie wir von Zeki lernen – heruntergefahren, damit man bei der Balkonszene auch versteht, dass Romeo mit Julia chillen will.
Und schon wären wir wieder bei dem oben erwähnten Prinzip der Anbiederung angelangt. Die Komödie „Fack ju Göhte“ betreibt es konsequent, indem sie den Zuschauer nicht überfordert, weder mit einem zu anspruchsvollen noch einem zu bösen Humor, noch mit Anspielungen, die sich auf etwas anderes beziehen als Proll-TV, Star Trek oder Computerspiele. Die können alle verstehen, vom Prof bis zur Blondine. Denn zu viel Edjukejschn ist ja irgendwie auch nicht gesund.

Kira Taszman

* Diese drei Angaben sind verbürgt.

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