Ich fühl mich Disco

     |    Wednesday, der 30. October 2013

Seit Jahren stagniert der deutsche Film einigermaßen unaufgeregt und nicht gerade aufregend vor sich hin, sei es durch berechenbare Star-Vehikel mit Matthias Schweighöfer, Bully und Co. oder durch eher weniger spannende Autorenfilme, die ihre hohen Ansprüche an sich selbst nicht einlösen können.

Manchmal gibt es sie dann aber doch noch: freudige Überraschungen in der teutonischen Kinolandschaft. Der junge Regisseur Axel Ranisch, Absolvent der „HFF Konrad Wolf“, legt nun seinen zweiten, sehr berührenden, komisch-traurig-anarchischen Spielfilm „Ich fühl mich Disco“ vor. Bereits in seinem Erstling „Dicke Mädchen“ – für das Rekord-No-Budget von 517,32 Euro in zehn Tagen gedreht – hatte Ranisch Chuzpe und Humor bewiesen und zudem seine über 90 (!) Jahre alte Oma zur Heldin des Films gemacht.

In „Ich fühl mich Disco“ steckt offensichtlich mehr Geld, seinen frischen Ton und seine unerschrockene Herangehensweise ans Drehen hat Ranisch aber beibehalten. Die Tragikomödie handelt von einem vollschlanken schwulen Teenager, Florian, der durch seine erste (unglückliche) Liebe die Beziehung zu seinem Vater neu definiert.

Richtig glücklich ist Florian (Frithjof Gawenda) nur, wenn er sich in sein Disco-Outfit zwängt, Koteletten und Schnurrbart ins Gesicht pinselt und mit seiner Mutter zu den Klängen der Schlager von Christian Steiffen durch die Wohnung tanzt. Doch dann fällt Mutter Monika unvermittelt nach einem Schlaganfall ins Koma und Florian muss nun ganz alleine mit seinem Erzeuger Hanno (Heiko Pinkowski), einem Turmspringtrainer, auskommen.

Bald verguckt sich Florian in den gleichaltrigen Sportler Radu, einen Schützling seines Vaters. Hanno – er hat den Ehrgeiz, sich als besonders toleranter und hilfsbereiter Vater eines schwulen Sohnes hervorzutun – tritt nun in seiner Unbeholfenheit von einem Fettnäpfchen ins nächste, und das zeitigt ein paar urkomische Szenen. So holt sich der Papa von dem Video eines – von Rosa von Praunheim gespielten – Sexualaufklärers Rat oder organisiert seinem Sohn ein Date mit Radu in seiner Anwesenheit – sehr zum Ärger der beiden Halbwüchsigen.

Hier geht es nicht um einen Vater, der seinen Sohn wegen dessen Sexualität pauschal ablehnt, sondern um einen im Grunde liebevollen Erzeuger, der jedoch auf kontraproduktive Weise kommuniziert. Ironischerweise werden sowohl Junior als auch Senior von den Lebensweisheiten des real existierenden, hier aber zur Kunstfigur stilisierten, Schlagersängers Christian Steiffen inspiriert. Der bringt Florian mit seinem Liedtext „Ich sehne mich so sehr – nach Sexualverkehr“ zum Schwärmen, berät aber in einer Szene auch den volltrunkenen Papa.

Während der schmerzlichen Zeit des Abschieds von seiner geliebten Mutter macht Florian durch sein Verliebtsein auch einen Emanzipationsprozess durch. Ranisch nimmt die Leiden seines jungen Helden ernst. Dennoch durchweht seinen Film ein anarchisches Flair, das durch ironische Brechungen mit Schlagereinlagen und die Auftritte von Steiffen und Ranischs Mentor Rosa von Praunheim eine besondere Note erhält. So empfiehlt sich Ranisch nach erst zwei Filmen als Hoffnungsträger unter den jungen deutschen Regisseuren.

Kira Taszman

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