Ich bereue nichts: NYMPHOMANIAC 2 von Lars von Trier

     |    Monday, der 31. March 2014

Männer, die mit vielen Frauen schlafen, bezeichnet man wohlwollend als Schürzenjäger, Playboy oder Schwerenöter. Frauen, die viele Männer haben, nennt man dagegen Schlampen. Nicht so Lars von Trier. In „Nymphomaniac 2“ besteht die Heldin in einer Szene im Kreis der Anonymen Sexsüchtigen darauf, sich nicht „Sexsüchtige“, sondern „Nymphomanin“ zu nennen. Dann steht sie auf und geht. Eine Therapie gegen Sexsucht? Nicht mit ihr. Auf einen kurzen Nenner gebracht, könnte man den zweiten Teil Lars von Triers als „Skandalfilm“ apostrophierten „Nympomaniac“ auf zwei Aussagen reduzieren: „Je ne regrette rien“ und „Männer sind Schweine“.

Letzteres ist nicht neu und von Lars von Trier bereits in diversen Filmen erörtert worden, auch wenn die männlichen Protagonisten ihr Schweinsein dort mehr auf gesamtgesellschaftlicher, beruflicher oder krimineller denn auf sexueller Ebene demonstrierten. Äußerte Joe (Charlotte Gainsbourg), die Protagonistin von „Nymphomaniac“, im ersten Teil noch erhebliche Zweifel an ihrem promisken Lebenswandel und bezeichnete sich selbst als schlechten Menschen, erscheint sie in „Nymphomaniac 2“ selbstbewusster und kämpferischer. Die Erzählkonstellation ist dieselbe geblieben. Joe erzählt dem zugeknöpften, intellektuellen Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård), der sie nach einer Schlägerei gerettet hat, aus ihrem Leben: Ihre unzähligen Männergeschichten und die Episoden mit dem einzigen Mann, den sie je geliebt hat, Jérôme (Shia LaBeouf), werden in Rückblenden erzählt.
Von Jerôme bekommt sie mit Mitte Zwanzig ein Kind, aber im Bett läuft es zwischen beiden nicht mehr rund. Jérôme gestattet Joe sogar, Sex mit anderen Männern zu haben. Doch beide sind unglücklich, und die Beziehung scheitert. In einer Szene zitiert sich von Trier dann eingestandenermaßen selbst. Es ist die Spiegelung einer sehr dramatischen Szene aus ANTICHRIST: Das Kind ist in Gefahr. Im Anschluss an diesen Zwischenfall trennen sich beide. Joe war bis dahin der Empfehlung ihres Ehemanns gefolgt und hatte weiter mit Männern herumexperimentiert. So erfolgte unter anderem ein wenig erfolgreicher flotter Dreier mit zwei Afrikanern. Doch vor allem von dem dominanten K (Jamie Bell) kann Joe nicht lassen. Dabei lehnt dieser Sex kategorisch ab, tüftelt stattdessen an der effektivsten Methode, ihr so striementrächtig wie möglich den Hintern zu versohlen.

Diese Szenen zwischen Joe und ihrem Peiniger nehmen viel Platz im Film ein. Unterwerfung, Suchen, Sehnsucht und der allgegenwärtige Trieb bestimmen Joes Leben. Eine Normalo-Existenz ist unter diesen Umständen nicht möglich. Während die mit blauen Flecken übersäte Joe im Bett sitzend diese Kapitel aus ihrer Vergangenheit vorträgt, kommentiert der jungfräuliche Seligman sie verständnisvoll und ergeht sich dabei in intellektuellen Diskursen – von den Unterschieden zwischen der Ost- und der Westkirche bis hin zu Beethoven. Doch ist der einfühlsame ältere Herr wirklich der, für den er sich ausgibt? Irgendwann wird in dem Film auch ein Revolver auftauchen und sich die Weissagung Anton Tschechows bewahrheiten, der zufolge eine Schusswaffe, so sie in einem Theaterstück vorkommt, sich spätestens in der letzten Szene entladen wird.
Denn Theater ist „Nymphomaniac“, ein verfremdetes, Brecht’sches noch dazu mit seinen Kapiteln und Zwischentiteln. Hoch stilisiert, dramatisch, aber mit etlichen ironischen Brüchen versehen konstruiert von Trier seinen Film. Am bemerkenswertesten ist jedoch die Sympathie, mit welcher der fälschlich als Frauenverächter angesehene dänische Provokateur seine Heldin begleitet. Sie ist sexsüchtig – na und? Keinerlei Verurteilung, Pathos oder moralische Richtlinie begleiten die Schilderung ihrer Lebensbeichte. So befürwortet von Trier das selbstbestimmte (wenn auch extreme und selbstzerstörerische)  Sexleben der Frau, seiner Protagonistin. Doch versöhnlich enden kann ein Lars-von-Trier-Film selbstverständlich nicht. Im Abspann intoniert Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg – sie geht mit dieser Rolle erneut an ihre physischen und psychischen Grenzen – prophetisch den Jimi-Hendrix-Klassiker „Hey Joe“. Darin kommt bekanntlich ein Revolver vor.
Kira Taszman

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