Houston

    |    Tuesday, der 24. March 2015

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Ein alkoholkranker deutscher Headhunter mutterseelenallein in einer texanischen Erdöl-Metropole – davon handelt Bastian Günthers Einsamkeitsstudie HOUSTON. Sie heimste bereits in Sundance und Karlovy Vary viel Lob ein und wartet mit einem herausragenden Ulrich Tukur in der Hauptrolle auf. Mit urbanen amerikanischen Romantikklischees à la Wim Wenders räumt dieses in Betonwüsten und auf trostlosen Highways spielende Drama gründlich auf. Trotz seines düsteren Tenors kann es sogar mit schwarzem Humor und surrealistischen Sequenzen punkten.

„Das Ziel allen Lebens ist die Weiterentwicklung, und jedes Lebewesen hat ein unveräußerliches Recht auf die Weiterentwicklung, zu der es fähig ist.“ Die sonore Stimme, welche Motivationsschübe auslösen soll, tönt von einer CD aus der Stereoanlage von Clemens Trunschkas (Ulrich Tukur) Leihwagen. Der Headhunter Trunschka hat Ermunterung bitter nötig. Hals über Kopf ist er nach Houston, Texas geflogen, um dort den lukrativen Auftrag eines Automobilkonzerns zu erfüllen. Er soll den CEO einer amerikanischen Erdölgesellschaft abwerben, den seine deutschen Auftraggeber zum Vorstandsvorsitzenden ihrer Firma küren wollen.

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Doch Trunschka ist ein seelisches und körperliches Wrack, immer kurz vorm Zusammenbruch. Zu Hause in Deutschland lebt er in einer zerrütteten Ehe und vernachlässigt seinen an schulischen Problemen leidenden Sohn. Auch Trunschkas Versuche, an den CEO heranzukommen, scheitern an dessen – ihn unbarmherzig abschirmenden – Mitarbeitern und Bodyguards. So verbringt Trunschka seine Tage mehr oder weniger untätig in einem riesigen Betonungeheuer von Hotel, frönt seiner Alkoholsucht und findet in dem Amerikaner Robert Wagner (hervorragend: Garret Dillahunt) einen Kumpel in Geist und Tat. Denn der redselige, äußerlich joviale Vierziger stellt sich bald ebenfalls als verzweifelter Loser heraus. Auch seine vermeintlichen Insider-Ratschläge für „Clem“, wie er seinen deutschen Freund nennt, erweisen sich als wenig brauchbar.

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Nüchtern entmythisiert Regisseur Günther den amerikanischen Traum, an dem teilzuhaben offenbar nur jenen vorbehalten ist, die sich durch Cleverness und den beherzten Einsatz ihrer Ellenbogen hervortun. Innerhalb der „Global Economy“ zählt nur nachweisbarer Erfolg. So erscheint Amerika weniger als Land der unbegrenzten Möglichkeiten denn als eine in Gewinner und Verlierer aufgeteilte Gesellschaft. Das Haus des CEO gleicht einer Festung, in die vorzustoßen Trunschka nicht vergönnt ist. Stattdessen wird er mehrfach vom Wachdienst der Wohnsiedlung verwarnt – auch hier erlebt Clemens Trunschka keine Freiheit.

Die findet er nur in dem grotesk betonlastigen und weiträumigen Hotelgelände. Dort kommt er mit seiner Mission nicht voran. Doch Scheitern ist keine Option: In diesem Punkt hat er die Mentalität seines Gastlandes verinnerlicht. In seiner Verzweiflung begeht Trunschka einen dummen, naiven Fehler und bezahlt ihn mit physischen Narben, die sich zu den seelischen gesellen. Er ist ein einsamer Streuner – wie der Hund, den er in seinen Halluzinationen durch das Hotelzimmer huschen sieht. Dass Clemens erst am Ende des Films seinen einzigen wahren Freund in der kalten Fremde schätzen lernt, ist vielleicht die positivste Erkenntnis seiner verstörenden Odyssee.

Kira Taszman
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