Hochkomischer, cholerischer Grimassenmann: Louis de Funès

     |    Wednesday, der 26. March 2014

Kein anderer konnte so wild mit den Händen fuchteln, die Augen unter buschigen Augenbrauen rollen und dabei eine wahre Lawine an Schimpfwörtern ausstoßen wie Louis de Funès. Auch dreißig Jahre nach seinem Tod ist die Komik des legendären französischen Schauspielers gut gealtert, sind seine Erscheinung und Spielweise unverwechselbar geblieben. De Funès (1914-1983) war zu seinen Lebzeiten der Goldesel der französischen Komiker, der Kassenmagnet schlechthin: Allein in den 1960er und 1970er Jahren lockte er 270 Millionen Zuschauer in die französischen Kinos, war aber auch im restlichen Europa, darunter auch der Sowjetunion, sehr beliebt.
Dabei gelang dem klein gewachsenen Mann mit der Halbglatze, der privat eher schüchtern und zurückhaltend war, erst mit Mitte vierzig der Durchbruch. Zuvor hatte er sich als Nebendarsteller, Pianist und Klavierlehrer mehr schlecht als recht durchs Leben geschlagen. Seine Rollen als nörgelnder Durchschnittsfranzose machten ihn berühmt. Später war er oft als Patriarch und Industrieller zu sehen, glänzte in den etwa 140 Filmen, die er drehte, aber auch als Dirigent, Gendarm von Saint Tropez, Chefkoch, Polizeikommissar, Buchhalter, geiziger Witwer oder Schriftsteller. Seine typische Figur ist Choleriker, politisch konservativ, ungeduldig, ungehalten, energisch und autoritär. Seine Geduld ist begrenzt. Aber wenn sich eine fixe Idee erst einmal in seinem Hirn verankert hat, tut er alles, um sie umzusetzen. Die Meinung anderer? Interessiert ihn nicht.

So grimassiert, fuchtelt und meckert sich de Funès auch durch die Filme, in denen man ihn auf realeyz.tv erleben kann. Ähnlich wie Bud Spencer das „Plattfuß“-Image anhaftete,  dachten sich deutsche Synchronredakteure für de Funès das Label „Balduin“ aus und benannten danach sechs seiner Filme. So spielt de Funès in „Balduin das Nachtgespenst“ einen habgierigen Kunsthändler, der – Shylock lässt grüßen – einem alten Fremdenlegionär (gespielt von Frankreichs Schauspiellegende Jean Gabin) einen echten auftätowierten Modigliani vom Rücken abziehen will. Dieser Balduin quasselt nicht nur viel, lautstark und mit echter oder gespielter Empörung, sondern wird auch schnell handgreiflich. Er teilt aus, muss aber auch einiges einstecken. Die Komödie „Balduin der Sonntagsfahrer“ verbringt er gar ab der 13. Filmminute ausschließlich in einem Auto – das auf eine Baumkrone gestürzt ist. Seine berühmten lautmalerischen Aaahs und Ooohs grunzend – sie können wahlweise Erstaunen, Ablehnung oder Ungehaltensein ausdrücken – unternimmt er mit seinen zwei Mitfahrern vergeblich alle möglichen Selbstbefreiungsversuche, um schließlich nur noch mit Unterwäsche bekleidet gerettet zu werden.

Auch in anderen Rollen hatte de Funès einiges ertragen müssen, war in ein Farbbecken getaucht, hatte als falscher chassidischer Rabbi das Tanzbein schwingen müssen, war in eine deutsche Wehrmachtsuniform gezwängt worden, nicht ohne zuvor mit einem schnarchenden deutschen Offizier das Bett geteilt zu haben. Zudem hat man ihn in Verkleidungen auch als Hippie, Pfarrer, Schotten, belgischen Seemann, Witwe (!) oder Hofdame (!) auf der Leinwand gesehen. Ja, Louis de Funès war hochkomisch, und seine Filme stehen für sein Vermächtnis als einer der lustigsten Männer Frankreichs.

Miete Steinmann

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