Glaube, Liebe, Hoffnung – Filmpolska zum 10. Jubiläum

     |    Friday, der 24. April 2015  |     2

filmpolska_Ida_5Polen war einmal Papst, nun ist es Oscar! Für Paweł Pawlikowskis überragendes Schwarzweiß-Drama „Ida“ über eine Nonne in den sechziger Jahren, die sich auf eine schmerzhafte Spurensuche nach ihrer jüdischen Familie begibt, wurde das polnische Kino vor zwei Monaten endlich mit der begehrten Filmtrophäe belohnt. Doch Polen war schon immer Filmland, hat so renommierte Regisseure wie Kieślowski, Polanski, Munk oder Skolimowski hervorgebracht. Etliche von ihnen wurden Opfer der Zensur, arbeiteten im Westen oder emigrierten. Eine neue Generation polnischer Filmemacher – Malgorzata Szumowska, Przemysław Wojcieszek, Katarzyna Rosłaniec oder Tomasz Wasilewski – genießt dagegen ihre künstlerische Freiheit und erzählt vorrangig vom Leben im postsozialistischen Heute.

Dennoch dreht man in Polen auch Historienfilme, welche die sozialistische Ära und den Zweiten Weltkrieg neu interpretieren. Arbeiteten polnische Kriegsfilme der letzten Jahre oft sehr überzeugend Tabuthemen wie Antisemitismus, Kollaboration oder die Vertreibung deutschstämmiger Polen auf, besteht eine neue Tendenz offenbar darin, Polens historische Opferrolle positiv umzudeuten. So inszeniert die Großproduktion „Warschau 44“ den Warschauer Aufstand als bombastisches Schlachtenepos. Als einer von 60 Langfilmen (neben 38 Kurzfilmen) ist es bei „Filmpolska“ zu sehen. Das Festival des polnischen Kinos in Berlin und Potsdam ist das größte außerhalb Polens und bietet stets einen spannenden Einblick in zeitgenössische, aber auch klassische polnische Filmkunst. In diesem Jahr wird „Filmpolska“ zehn Jahre alt: Glückwunsch!

fimpolska_miasto_44_film_stillAnschaulich zeigt der 33-jährige Regisseur Jan Komasa in „Warschau 44“ den Zorn, den Idealismus und die Entschlossenheit der jungen Kämpfer/innen auf, die, dem Teenageralter kaum entwachsen, sich in eine aussichtslose Schlacht gegen die Nazis werfen. Doch Komasa will sich nicht an den kontroversen Debatten über Sinn oder Fragwürdigkeit des Aufstands beteiligen, die in Polen letztes Jahr zum 70-jährigen Jubiläum des Ereignisses geführt wurden. Dabei wurden auch Stimmen laut, welche bemängelten, dass die Aufständler als Kanonenfutter missbraucht worden seien. Komasa setzt lieber auf attraktive Darsteller, eine konventionelle Erzählstruktur samt Liebesdreieck und auf Videoclip-Ästhetik, inklusive endloser Zeitlupen und dröhnendem Soundtrack. So schielt er vorsätzlich auf ein junges Publikum, dem er den historischen Sachverhalt in aufgedonnerten Bildern nahe bringen will.

filmpolska_Walesa_1_kleinMit der Stilsicherheit von „Ida“ hat das wenig zu tun. Wo Komasa auf Effekte setzt, schildert Pawlikowski behutsam und kunstvoll eine Identitätssuche und zugleich ein poststalinistisches Polen zwischen Wundenlecken und Aufbruch. Ein historisches Epos hat auch Altmeister Andrzej Wajda mit „Wałęsa, der Mann aus Hoffnung“ gedreht. Es zeigt den Aufstieg des späteren polnischen Präsidenten vom Elektriker der Gdansker Leninwerft zum „Solidarność“-Anführer und Nobelpreisträger. Dabei vermeidet Wajda Pathos und skizziert die Einsamkeit einer Galionsfigur zwischen Familie, Öffentlichkeit und Geheimdienst. Vor allem überhöht Wajda den von Robert Więckiewicz grandios dargestellten Lech Wałęsa nicht, zeigt ihn als – durchaus eitlen und fehlbaren – Menschen und beschließt damit seine polnische Trilogie, die er 1977 mit „Der Mann aus Marmor“ begann.

Dem kürzlich verstorbenen Krzysztof Krauze, Autor des bemerkenswerten Roma-Dramas „Papusza“, ist eine Hommage gewidmet. Eine Reihe präsentiert polnische Horrorfilme, eine andere feiert die Grande Dame des polnischen Kinos, Agnieszka Holland, Regisseurin von Filmen wie „Die Affäre von Rimbaud und Verlaine“ oder „In Darkness“.

Die weniger spektakulären, dafür aber nicht minder intensiven, Filme des Festivals erweisen sich als die womöglich interessantesten. Eine weitere prominente Regisseurin, Malgorzata Szumowska, erhielt für ihr neues Werk „Body“ auf der Berlinale den Silbernen Bären. Die Charakterstudie schildert sensibel, aber auch humorvoll, die Beziehung eines Untersuchungsrichters zu seiner magersüchtigen Tochter. Absurde Momente, wie das plötzliche Aufstehen eines Erhängten oder Totenanbetungen durch eine selbsternannte Seherin alternieren mit Szenen großer Verzweiflung. Großartige Performances von einem der Doyens der polnischen Schauspielkunst, Janusz Gajos, sowie von Maja Ostaszewska und Justyna Suwala verleihen den Figuren ihre notwendige Glaubwürdigkeit.

filmpolska_obietnica_6Das Drama „The Word“ („Obietnica“) von Anna Kazejak wiederum beginnt wie ein typisches Teenager-Porträt. Eine ewig schmollende Jugendliche, die etwa 16-jährige Lila, zickt ihre Mutter und deren jungen Liebhaber an, hastet durch Haus, Schule, aber auch durch soziale Netzwerke. Warum ist sie so gekränkt? Natürlich ist ein Junge schuld. Lila kann ihrem Freund Janek dessen Fehltritt mit der Cheerleaderin Angelika nicht verzeihen. Obwohl er sie auf Smartphone und im Chat um Vergebung anfleht, zeigt sie sich unversöhnlich. Was als Jugend- und Sozialstudie begann, entwickelt sich immer mehr zu einem spannenden Krimi, in dem überbordende Gefühle schließlich ein schweres Verbrechen zeitigen. Geschickt zögert Regisseurin Kazejak die Spannung bis zum letzten Moment hinaus und offenbart ein äußerst düsteres – und verstörendes – jugendliches Temperament. Wie die Teenager durch ihr ständiges Vernetztsein schließlich ihr eigenes Tun offenbaren, sagt einiges über sie aus und beschleunigt auch die Aufarbeitung des Falles.

filmpolska_Male_Stluczki-16Skurril und liebevoll kommt dagegen „Kleine Dellen“ von Aleksandra Gowin und Ireneusz Grzyb daher. Zwei junge Frauen, Asia und Kasia, betreiben mit ihrem klapperigen orangefarbenen Opel eine Art Entrümpelungsunternehmen. Wenn Wohnungen aufgelöst werden oder Menschen sterben, verladen sie Bücher, Möbel und Nippes, hübschen sie zum Verkauf auf dem Flohmarkt auf oder lagern sie in ihrer Wohnung. Als der Plastikdosenarbeiter Piotr zu ihnen stößt, entwickelt sich aus der Zweier-Dynamik ein zunächst heiteres, dann melancholisches Liebesdreieck, in dem keine(r) den anderen/die andere kriegt. Ihre morbiden Ängste und Phobien äußern die drei Figuren in absurden Dialogen und Rollenspielen. Auch die Stadt Lodz trägt als wichtiger Protagonist zum Gelingen dieses anrührenden und sympathischen Films bei.

Kira Taszman

bis 29.4. im Babylon-Mitte, FSK, Filmmuseum Potsdam, Arsenal, dem Kino in der Brotfabrik, dem Kino am Bundesplatz

www.filmpolska.de

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