FilmFestival Cottbus 2014: Drei Highlights

     |    Sunday, der 9. November 2014

WB_KLASS KORREKTSII_CORRECTIONS CLASS_film stillDie Letzten sollen die Ersten sein. Mit einem Knaller ging das 24. FilmFestival Cottbus zu Ende, dem russischen Drama „Corrections Class“ über eine Klasse von verhaltensauffälligen und behinderten Schülern. Ein Film, der aufrüttelt, empört, bewegt – und zeigt, dass Russland in punkto Inklusion noch sehr viel zu lernen hat. Ihn kürte die Jury des Festivals zum Besten Film. Das Werk des erst 25-jährigen Regisseurs Iwan Twerdowski handelt von der im Rollstuhl sitzenden Jugendlichen Lena. Nach jahrelangem Hausunterricht kommt sie erstmals in eine staatliche Schule in ihrem russischen Provinzstädtchen. Dort schwingt eine autoritäre Direktorin der alten sowjetischen Schule das Zepter und dementsprechend vernachlässigt wird Lenas neue Klasse, die so genannte „Korrekturklasse“. Schwer erziehbare, verhaltensauffällige und behinderte Schüler schiebt man dorthin einfach ab.

Lenas Mitschüler haben körperliche oder geistige Behinderungen, leiden an Epilepsie, Sprechstörungen, den Folgen einer Hirnhautentzündung oder sind einfach aufsässig. Der Lehrplan unterfordert Lena, und auf die verschiedenen Behinderungen oder Begabungen der Schüler wird nicht eingegangen. Da es in dem heruntergekommenen Schulgebäude keinen Fahrstuhl gibt, muss sich das hübsche Mädchen mühsam am Geländer emporhangeln oder getragen werden. Letztere Aufgabe übernehmen ihre Mitschüler Mischa und Anton nur zu gerne. Überhaupt ist die bunt zusammengewürfelte Truppe ein lustiges Völkchen, das sich aufmüpfig und anarchisch im schulischen und kleinstädtischen Umfeld bewegt und Lena in ihren Verbund aufnimmt – zunächst.

Denn da Lena (Maria Pojezhajewa) den hübschen Anton (Philipp Awdejew) ihrem Mitschüler Mischa (Nikita Kukuschkin) vorzieht, artet dessen Eifersucht in Aggression aus. Er stachelt seine Clique gegen Lena auf, die nun an allen erdenkbaren Fronten gemobbt wird. Die Putzfrau unterstellt ihr, sie hinterlasse auf den Schulkorridoren schmutzige Streifen mit ihrem Rollstuhl. Die Lehrer sind mit der intelligenten Schülerin überfordert und der gesamte Lehrkörper zeigt sich indigniert, dass Lena und Anton nicht nur Händchen halten, sondern sich auch physisch näher kommen. „Solche“ sollten sich nicht vermehren, lautet die Konsensmeinung.

Doch am meisten Grausamkeit erfährt Lena von ihren Mitschülern. An Empathie hatten sie es bereits für einen auf den Bahnschienen tödlich verunglückten ehemaligen Klassenkameraden mangeln lassen. Nun ist auch Lena schutzlos ihren Schikanen ausgesetzt. Ohne sich irgend welchen Illusionen hinzugeben, zeigt Regisseur, wie ein feindliches Umfeld sozial Ausgestoßene ihrerseits zu Peinigern macht und wie dringend es an Strukturen mangelt, die Inklusion statt der allseits betriebenen Exklusion den Vorrang gibt.

DREI_FENSTER_UND_EIN_STRICK_fiEine Ausgestoßene aus ihrer Dorfgemeinde ist auch die Lehrerin Lusha (Irena Cahani) in dem starken kosovarischen Beitrag „Drei Fenster und ein Strick“. Das Drama von Regisseur Isa Qosja spielt kurz nach dem Kosovo-Krieg, Anfang des Jahrtausends. Lusha hat es gewagt, einer Journalistin davon zu erzählen, dass sie und weitere Leidensgenossinnen des Dorfes vergewaltigt wurden. Doch anstatt die Frau zu unterstützen, werfen die Männer des Dorfes, allen voran der Bürgermeister Uka (Luan Jaha), ihr vor, „Schande“ über das Dorf gebracht zu haben. Bald schicken die Dörfler ihre Kinder nicht mehr in die Schule, und Uka verwehrt ihr auch den Zutritt zu seinem Gemischtwarenladen.

Um das Patriarchat der Dorfgemeinschaft in all seiner Beschränktheit und Selbstgerechtigkeit zu entlarven, habe er den Film vor allem aus der Perspektive der Männer gedreht, sagt Regisseur Qosja. Lange habe er am Ende des Films gewerkelt, sagt der 67-Jährige, und sich für das Ende entschieden, das ihm am realistischsten erschienen sei. Der Film, der bereits auf mehreren Festivals ausgezeichnet wurde, will endlich das Schweigen über die geschätzt 20.000 Vergewaltigungsopfer im Kosovo brechen und denunziert den archaischen Begriff der „Schande“. Sogar die kosovarische Staatspräsidentin Atifete Jahjaga habe das Projekt unterstützt und den Filmemachern Kontakte zur UNO beschafft, die ebenfalls Vorführungen des Films organisiert habe, berichten Quosja und der Produzent des Films, Shkumbin Istrefi. Dennoch kombiniert der Film Realismus mit so parabelartigen wie amüsanten Szenen. „Ich vermische gern Drama mit Humor“, sagt Quosja, der auch darauf hinweist, dass die Kosovaren die Nation seien, die am meisten rauche. Das Rauchen sei ein Teil der Tradition, stehe für Männlichkeit und diene auch dazu, Fehlleistungen der Männer zu kompensieren. Der Film erhielt eine lobende Erwähnung der Jury.

SO_SIND_DIE_REGELN_film_stillUm Gewalt und ihre katastrophalen Folgen geht es auch in dem kroatischen Film „So sind die Regeln“ von Ognjen Sviličić. Tomica, der 17-jährige Sohn einer kleinbürgerlichen, sehr rechtschaffenen Zagreber Familie, kommt eines Tages mit verletztem Gesicht nach Hause. Er ist in eine Schlägerei geraten. Das Krankenhaus tut die Verletzungen als geringfügig ab, doch kurz darauf erleidet Tomica einen Zusammenbruch und fällt ins Koma. Die üble Behandlung von Tomica durch einen Mitschüler, der ihn mehrfach gegen den Kopf getreten hatte, wurde sogar gefilmt. Doch die Polizei will das Video nicht als Beweismittel akzeptieren.

Erzählt wird der Film aus der Perspektive der Eltern – der Vater ist Busfahrer, die Mutter Hausfrau. Aus ihrer Wohnung in einem typisch postsozialistisch renovierten Plattenbauviertel haben sie sich ein blitzsauberes und gemütliches Heim geschaffen. Alles hat seine Ordnung: Die Mutter kocht und putzt, abends werden auf der Couch TV-Unterhaltungssendungen geschaut. Nur die junge, scheinbar zügellose Generation verstehen die Eltern nicht ganz – und sollen mit ihrer Einschätzung leider Recht behalten.

Es ist erschütternd, mit anzusehen, wie herzlos und kalt sie von Krankenhauspersonal und Behörden behandelt werden. Doch die Eltern haben es nie gelernt, ihre Ansprüche zu artikulieren. Trotz arger Sorgen um den Sohn lassen sie sich duldsam umherkommandieren und verlieren nach außen hin auch nicht die Fassung, als das Schlimmste eintritt. In ihrer größten Not stehen ihnen Staat und Behörden in nichts bei, auch psychologische Betreuung erhalten die Eltern nicht. Verzweiflung, Trauer und Hilflosigkeit werden schließlich doch zu einem Racheakt führen… Emir Hadžihafizbegović, der den Vater spielt, erhielt für seine schauspielerische Leistung den „Preis für einen herausragenden Darsteller“.

So zeigt der Film eine Gesellschaft, in der alte familiäre und freundschaftliche Beziehungen zwar noch funktionieren. Doch das gesellschaftliche Klima ist durch Entsolidarisierung, soziale Spannungen und Individualisierung sehr kalt geworden – ein durchgehender roter Faden in vielen Filmen dieses starken Jahrgangs beim Filmfestival Cottbus.

Kira Taszman

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