„Familientreffen mit Hindernissen“ – Julie Delpys autobiografische Reise in die Vergangenheit

     |    Tuesday, der 26. February 2013

 

Wie ging nochmal dieser Spruch? Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon. Eine Kandidatin, die dieses Phänomen sehr beschäftigt und gleichzeitig in ihren Filmen verarbeitet, ist Julie Delpy. Die französische Schauspielerin arbeitet seit 2007 auch als Regisseurin und Drehbuchautorin. In ihren Filmen „2 Tage Paris“ (2007) und „2 Tage New York“ (2012) beschreibt sie Familienkonstellationen, bei denen das impulsive Aufeinandertreffen der französischen Kultur mit der amerikanischen eine große Rolle spielt. Dass sie selbst darin auch die Hauptrolle spielt, ist sicher kein Zufall. Denn als Französin, die schon seit langem in den USA lebt und arbeitet, kann sie ein Lied davon singen.

Julie Delpy and young star on the beach

Zwischendrin erschien FAMILIENTREFFEN MIT HINDERNISSEN (2011) – ein Film, der noch persönlicher ist und zurück in den Sommer des Jahres 1979 geht. Aus dem Blickwinkel der 11-jährigen Albertine – Delpys Alter Ego wird herrlich gewitzt gespielt von Lou Alvarez – erlebt man das Zusammentreffen der Großfamilie in der Bretagne anlässlich des Geburtstags ihrer Großmutter. Zur gleichen Zeit rast die US-Raumstation Skylab auf die Erde, mit ungewissem Ziel. Während Albertine damit beschäftigt ist, sich mit dem vielleicht eintretenden Tod anzufreunden, trinken, singen und feiern die Erwachsenen.

Albertines Eltern, zwei revolutionäre Straßentheaterschauspieler aus Paris, ecken dabei immer wieder bei den recht konservativen Verwandten an. Vor allem die Mutter, gespielt von Julie Delpy, heizt mit ihren linken Ansichten die politischen Debatten am Tisch an. Ein Umstand, den die Schwiegermutter in Hitzewallungen versetzt. Zwischendurch sorgt der wunderliche Onkel Hubert immer wieder für tragikomische Einlagen. Er wird von Albert Delpy, Julie Delpys Vater verkörpert, der traditionell in ihren Filmen mitspielt.

In der Zwischenzeit kostet Albertine die vielleicht letzten Stunden mit ihren vielen Cousinen und Cousins aus. Der große Garten der Familie und der nahegelegene Strand bieten eine perfekte Spielwiese. Während eines Abstechers zum FKK-Strand verliebt sich Albertine auch noch zum ersten Mal und bei der abendlichen Jugendfete im Dorf verabschiedet sie sich mit einem romantischen Blues von ihrer Kindheit – eine eindeutige Reminiszenz der Autorin auf „La Boum“.

FAMILIENTREFFEN MIT HINDERNISSEN mag ein typischer Delpy-Film sein – zu Beginn ruhig und erzählerisch, dann immer hektischer und impulsiver, mit lauten Diskussionen und trotzdem mit Happy End. Und Sex spielt natürlich auch eine Rolle. Dennoch ist er sehenswert, denn er erzählt von Kindheitserinnerungen, die jeder gern hätte. Geschlachtete Hammel und süße Küken, Zecken-Operationen am Hund und Gruselgeschichten im Zelt, Doktorspielchen und ein Onkel, der rührend die „Ballade des gens heureux“ trällert. Das alles verpackt Delpy in ein flirrendes Retro-Flair mit zeitkritischen Bezügen. Und wenn man sich dafür nicht erwärmen kann, sollte man den Film schon allein wegen der wunderbar ausgewählten, großen und vor allem kleinen Schauspieler sehen, die die gegensätzlichen Charaktere so authentisch verkörpern.

Google+

SarahCurth