DIE NARBE – Der Berliner Mauer auf der Spur

     |    Sunday, der 20. January 2013

Vor fast genau drei Jahren realisierte der Künstler Burkhard von Harder einen Film, der nicht wirklich spannend ist, aber dennoch fesselt. Er nannte ihn DIE NARBE und widmete ihn einer 156 Kilometer langen Mauer, die zwar heute nicht mehr steht, aber noch immer vorhanden ist: der Berliner Mauer.

Am 14. Januar 2009 besteigt von Harder einen Helikopter. Gemeinsam mit dem Piloten Klaus Bobzin und dem Kameramann Evert Cloetens will er die Strecke abfliegen, an der zwischen 1961 und 1989 die Berliner Mauer stand. Sein Film soll sie aus Vogelperspektive zeigen. Man könnte meinen, dass 2009, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, der ehemalige Todesstreifen nicht mehr erkennbar wäre – überwuchert oder zugebaut. Doch was der Film zeigt ist etwas anderes: eine Narbe. Nicht durchgängig aber größtenteils ist die Schneise zwischen den zwei deutschen Staaten noch erkennbar, vor allem, wenn sie durch Wälder führt, am Wasser entlang oder Straßen an ihrer Stelle stehen.

DIE NARBE ist ein faszinierender Film, der die Flugstrecke in Echtzeit zeigt. Unter dir Berlin, eingehüllt in eine Puderzucker-Schneedecke, die den Film an einigen Stellen schwarz-weiß erscheinen lässt. Von Harder und sein Team begannen und endeten ihre Rundreise am Flughafen Schönefeld und flogen gegen den Uhrzeigersinn – vorbei an den 14 Straßengrenzübergangsstellen, wie Sonnenallee oder Bornholmer Straße. Im Film wird jede davon markiert von Original-Lautsprecheransagen wie „Grenzkontrollstelle Waltersdorfer Chaussee – Nur West-Berliner, Ausländer. Nur zum Flughafen Schönefeld!”. Was vielen gar nicht bewusst ist: Die Mauer kreiste West-Berlin ein und isolierte es – ein Eiland innerhalb der DDR.

Untermalt wird die Reise von Musik, die dem Film den nötigen Drive verpasst. Percussionist FM Einheit, ein ehemaliges Mitglied der Einstürzenden Neubauten, kreierte unter Verwendung von Kompositionen des Klangforschers Klaus Wiese Soundlandschaften, die nicht karg sind sondern die Stadt sprechen lassen. Mal aufgeregt, mal meditativ schlängelt sich die Kamera ihren vorgeschriebenen Weg entlang, zwischen Plattenbauten und Autobahnen, vorbei am Axel-Springer-Hochhaus, am Reichstag, durch den Mauerpark, über Wiesen, Felder, Seen mit Eisschollen drauf.

Anfangs ertönen Tonaufnahmen des Studios am Stacheldraht, einer mobilen Lautsprecherstation, die bis 1965 entlang der Mauer in den Ostteil ausstrahlte. Zwischendrin aufgezeichnete Telefonanrufe von mutigen Ost- und Westbürgern bei DDR-Institutionen wie der Staatssicherheit oder der Ständigen Vertretung der DDR in der BRD. Dann setzt die Dämmerung ein. Und im Hintergrund erschallt „Wir sind das Volk!“ So führt die landschaftliche Reise gleichzeitig durch die 28-jährige Geschichte dieses „antifaschistischen Schutzwalls“.

Für Burkhard von Harder bedeutete dieser Film eine Art Befreiungsschlag, ein „spätes Ritual einer notwendigen Heilung“. So ist die Narbe nicht nur physisch sichtbar – als Relikt und als Mahnmal für eine unmenschliche Teilung. Sie blieb auch im Kopf des Regisseurs, der hier beispielhaft für viele andere Zerrissene steht.

79 Minuten erscheinen lang für so einen Film. Doch von Harder macht daraus eine Reise in die Vergangenheit, die dazu anregt, mehr erfahren zu wollen – weil sie erklärendes beseite und dem visuellen Eindruck den Vorrang lässt. Der Künstler hat eine 16-stündige Fortsetzung vollendet, in der er die 1378 Kilometer lange ehemalige innerdeutsche Grenze abfliegt.

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SarahCurth