Interview mit Maren-Kea Freese

     |    Saturday, der 5. July 2014

Die Regisseurin Maren-Kea Freese begleitet seit über 30 Jahren filmisch das Leben in der Großstadt (in der Regel ihre Wahlheimat Berlin) mit lakonischem Humor und Bildern einer rauhen Poesie. Vor ihren preisgekrönten Spielfilmen „Zoe“ (1999) und „Was ich von ihr weiß“ (2006) realisierte sie Kurzfilme, von denen sieben auf realeyz.tv zu sehen sind. Im nachfolgenden Interview spricht Freese über ihre fortdauerende Liebe zum Film und zur Stadt sowie über die Notwendigkeit, Frauen sichtbarer zu machen.

realeyz: Was hat Dich nach Berlin gezogen?

Maren-Kea Freese: Berlin roch irgendwie nach Abenteuern und neuen anderen Möglichkeiten, einem anderen Leben. Ich wollte auch weg von zu Hause, meiner Heimatstadt, – einen Onkel hatte ich in Berlin-Wilmersdorf, bei ihm war ich einmal mit 12 und einmal mit 15 oder so mit einer Schulfreundin.  Obwohl Berlin eine Mauerstadt war, spürte ich schon damals diese Form von Freiheit, Freigeistigkeit, die dort u.a. herrschte. Nach dem Abi, als ich mehr Zeit hatte, besuchte ich eine Freundin, die wegen eines Jobs nach Berlin gegangen war,  in ihrer Kreuzberger WG . Sie war eine wilde Mischung aus Punk, Kunstwillen und Selbstsuche. Wir haben zusammen die Stadt erkundet, viel erlebt, neue Menschen kennengelernt und dabei habe ich mich – wenn man das so sagen kann – in die Stadt verliebt. Da man an der FU neben Theater- und Filmwissenschaften auch Publizistik studieren konnte, war schnell klar –  hier schreib ich mich ein. Im Frühling wurde dann in der WG ein Zimmer frei – mit einem schönen türkisfarbigen Kachelofen, der im Winter dann schwer in der Bedienung wurde.

Warum gerade Film?

In meiner Schulzeit in Köln war ich in der Foto-AG und wir haben uns gern verkleidet – nicht nur zum Karneval. Speziell mit zwei Freundinnen bin ich auch oft ins Kino gegangen. Mit der etwas älteren in die Lupe zu Filmkunst, wie Bergmann und Antonioni und mit der anderen ins Rex am Ring Vampirfilme angucken, weil man danach so schön schlecht schlafen konnte. Wir hatten zu Hause auch lange keinen Fernseher, dann einen zum abschließen. Wenn meine Eltern abends weg waren habe ich mich ans suchen des Schlüssels gemacht . Das ging solange gut, bis mein Vater gefühlt hat, ob der TV-Apparat warm war.

Also Lust am Bild, Spiel und auch irgendwie Verbotenem.

Leider konnte ich nicht so gut zeichnen.  Zeichner wie Sempé, Wilhelm Busch, aber auch aus den 20er Jahren Dix oder Collagen von Hannah Höch habe ich schon als Jugendliche sehr gemocht.  Am Anfang meiner Berlin-Zeit habe ich dann sehr viele Collagen geklebt – auf Postkarten zum verschicken an meine Freunde in Köln und anderswo. Das waren wohl die Anfänge von bewegten Bildern – die ich sozusagen `auf Reisen´ geschickt habe.

ZOE_Blog

Glaubst Du, dass die Stadt Berlin besonders Deine Arbeit geprägt hat? Wenn ja, wie?

Ja. Ich glaube sogar, dass die historische Geschichte der Stadt, teils meine private Geschichte mit beeinflußt, gebremst und beflügelt hat – je nachdem.

Anfangs war ich auf eine neue unbekannte Art auf mich selbst zurückgeworfen, (was natürlich überall passiert wäre).  Habe auch in den 80ern sehr lange allein im Hinterhof in der Nähe vom Kleistpark gewohnt. Da ist die experimentelle Doku SO SIEHT’S AUS entstanden und auch mit der Wiener Freundin Silvia Steindl, die damals in Berlin lebte,  der Kurzfilm TREFFPUNKT ER + SIE – nur in dem einen Berliner Zimmer.  Es gab in der Zeit auch eine tolle Super-8-Film Bewegung, was mich sehr inspiriert hat, selbst etwas zu machen. Die Wiener Freundin hatte im Gleisdreieck*  nach Heiner Müller/ Hamletmaschine etwas mit sich gedreht, sie ist Schauspielerin (*damals ein Kultort für alle  Kreativen einer Gegen-Kultur, da wurde gefilmt, Saxophon gespielt und auch ein Hörspiel v. Tabori, wo ich Praktikantin war, produziert). Das Material haben wir dann nachts, bis in die frühen Morgenstunden zusammen geschnitten und so lernte ich Super-8 kennen.  Sehr bald habe ich mir dann in der Zweiten Hand in Gropiusstadt eine stumme Nizo-Kamera gekauft, bei der immer nachvertont werden mußte, was eine gute Schule war.

Auf die dffb hatte ich schon lange ein Auge geworfen und als ich dann nach meinem Fu-Abschluß da genommen wurde – und dann noch die Mauer aufging, begann für mich eine Ära mit neuen Herausforderungen . Diesen Aufbruch skizziert – politisch als auch privat mein Kurzfilm ZOE, der auch mit einer ersten intensiven Erkundung des Umlandes einher ging. Es gab jetzt eine neue Freiheit, aber es war nicht immer so einfach mit ihr umzugehen und sie zufriedenstellend zu nutzen. Es passierte fast zu viel. In meinem Kurzfilm SPRUNG INS LEERE ist die Hauptfigur in so einer Phase und orientiert sich an Freunden. Das Gefühl habe ich dann auch nochmal anders in meinem langen Berlin-Abschlußfilm `Zoe´ thematisiert, dem ersten Film meiner Trilogie: `Nomadinnen – Es gibt kein richtiges Leben im Falschen´.

Du hast über fast 30 Jahre die Entwicklung und auch Veränderungen in Berlin begleitet. Wie nimmst Du diese Veränderungen wahr?

Ich glaube um sich selbst zu finden, war die Mauerstadt West-Berlin gar nicht schlecht. Hier hatte man eine Ansammlung von schrägen Verweigerern aller Art, viele interessante Angebote und konnte sich, um sich davon zu erholen und es zu verarbeiten immer wieder gut in sein Schneckenhaus zurückziehen. Berlin war in jedem Fall leerer, ruhiger und stärker von Subvention und Idealismus geprägt. Einzig der coole Zeitgeist, der damals herrschte, war letztlich nicht so förderlich und für mich als Kölnerin eher gewöhnungsbedürftig. Vielleicht hatte ich daher viele Freunde, die Schauspieler waren, etwas mit Theater machten oder aus einem anderen Land kamen. Einige haben allerdings die Stadt wegen der Anonymität, die Berlin haben konnte,  wieder verlassen. West-Berlin war auch ein künstliche Stadt, ein Biotop und manchmal wie eine Käseglocke.

Jetzt ist das Klima offener, aber auch kommerzieller – Berlin ist zu einer Art Weltstadt geworden, oft weiss man nicht wer ist Tourist, wer lebt schon hier oder ist kurz davor. Manchmal ist mir das zu viel.  Aber ein richtiges Umland mit Bewohnern zu haben fühlt sich sehr richtig an – auch wenn wir aus unterschiedlichen Ländern kommen, wie mir immer wieder klar wird. Mein dritter Langfilm handelt  von einer Frau, die daher kommt. Und wie es immer so passiert, findet sich dabei auch wieder `Das Eigene im Fremden´ – auch einer der Gründe nach Berlin zu gehen.

Nach vielen Stationen bin ich jetzt wieder am Ort meiner Anfänge, in Kreuzberg-ehemals-36, gelandet und hoffe nun inständigst mir möglichst lange die Miete noch leisten zu können.

Vorwiegend stehen Frauen im Mittelpunkt Deiner Filme. Bewußte Entscheidung? Wenn ja, warum?

Da ich selbst eine Frau bin, klappt es erstmal mit der Einfühlung in Figuren automatischer. Ich gehe ja immer erstmal von mir aus, bin sozusagen der Filter, und bleibe dann dabei. Es sind ja auch meistens Gefühle, Zustände, die ich kenne oder in anderer Form erlebt habe. Natürlich könnte ich sie auch in eine männliche Figur transferieren, aber das hat sich bisher erst zweimal ergeben.

Ich empfinde Frauen aber auch immer noch als  „unsichtbarer“ in bestimmten Bereichen der Gesellschaft – in der Filmbranche bei den Regisseurinnen und Kamerafrauen z.B. und generell an zweiter Stelle – bei der Bezahlung sowieso.  Das hat äußere und innere Gründe. Durch Deformierungen in der Erziehung nehmen sich Frauen immer noch mehr zurück,  knüppeln sich durch übertriebene Selbstkritik in den Boden, preisen sich weniger an, suchen andere Ventile für ihre Verwirklichungsansprüche und lassen auch so Männern den Vortritt.

Wahrscheinlich sind es auch immer wieder Beweise – mir und der Welt gegenüber: Ja mich/Uns gibt es – schaut mal genauer hin!

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