Georg Seeßlen@HfbK Offensiv Experimentell. Keynote Teil 4

     |    Wednesday, der 25. June 2014

seesslen_04

›Offensiv Experimentell‹ ist eine Initiative des Studienschwerpunkts Film der Hochschule für Bildende Kunst Hamburg (HfBK) unter Federführung von Robert Bramkamp, Professor im Schwerpunkt Film. Zu ihren Zielen gehört die Verbesserung und Veränderung der gegenwärtigen Produktions- und Distributionsstrukturen des experimentellen Bewegtbildes sowie die Auseinandersetzung mit staatlich-öffentlicher TV-Formatierung und Kinoverwertungsroutinen.

Anläßlich der Fortführung des Projekts im Rahmen des Internationalen Kurzfilmfestivals Hamburg veröffentlichen wir in vier Teilen exklusiv auf realeyz.tv die Keynote Address des Film- und Kulturkritikers Georg Seeßlen, die auf der Ersten Versammlung von ›Offensiv Experimentell‹ im Dezember 2013 verlesen wurde.

Teil 1 hier lesen.
Teil 2 hier lesen.

Teil 3 hier lesen.

Nomadische Filme! Nomadische Kritik! Ein Vorschlag von Georg Seeßlen. Vierter und letzter Teil

24.) Für das Wesen des nomadischen Films ist es von Bedeutung, dass das Projekt von anderen Kunst-Szenen akzeptiert und adoptiert wird. Bildende Künstler, Musiker, Literaten sollen sich anschließen. Auch hier sind Möglichkeiten von Transferierungen von Technik, Know-How und nicht zuletzt Finanzierungen auszuloten. Die Künstler müssen aufhören, sich nur in ihren jeweiligen Szenen und politischen Ökonomien zu bewegen (die sich im Neoliberalismus besonders weit auseinander bewegen, so wie sich auch in den Künsten immer weiter die Scheren zwischen dem absurden Reichtum und der absurden Armut auftut), sie müssen erkennen, dass sie ein gemeinsames Projekt haben: Die Rückkehr zu ihren eigentlichen Adressaten, die Rückkehr aus den ökonomischen in die politischen Räume, die Rückkehr der Kunst in den öffentlichen Raum. Die Rückkehr der Kunst vom Markt in die Gesellschaft!

25.) Daher gibt es keine Frage nach einer Finanzierung von Filmen. Es gibt nur die Frage der Finanzierung von Kunst. Möglicherweise muss man dafür zumindest einige der Illusionen über Bord werfen, die mit dem einstigen durchaus viel versprechenden Projekt zusammen hängen, der Kinofilm, wie wir ihn kennen, sei eine demokratisch und kulturell motivierte Verbindung von Kunst und Industrie. Im Neoliberalismus ist eine solche Verbindung ehrlicherweise nicht möglich. Die Ökonomie hat diese Verbindung weitgehend bereits aufgekündigt, die Kunst, so scheint es, hat das noch nicht gemerkt.

26.) Der Film als autonome, subjektive, widerständige, eigensinnige, experimentelle Form des Bewegtbildes wird nur überleben, wenn er sich als radikale Kunst versteht. Wenn er seine Ghettos verlässt, verlässt er gewiss auch einige seiner Fleischtöpfe. Aber er gewinnt eine Freiheit, die vorher nur als Widerschein in seinen Bildern gesucht werden musste. Und er überlebt nicht allein durch eine Transformation seiner politischen Ökonomie sondern vor allem durch eine Solidarität der Künste und der Künstler untereinander.

27.) Vieles davon ist anstrengend, risikoreich, „unrealistisch“, „dogmatisch“… you name it. Man muss Zelte abbauen, Besitzstände aufgeben, Gewohnheiten aufgeben, wenn man nomadisch sein will. Aber ist Weitermachen wie bisher wirklich eine Alternative? Zu hoffen, man werde irgendwie überleben, zu hoffen, mit der einen oder anderen künstlerischen Geste im Bewegtbild den Mainstream wenigstens so weit zu erreichen, dass die eigene Produktion und vielleicht noch die einiger vernetzter Freunde ermöglicht wird? Zu hoffen, das System des Ineinander von Förderung und Markt immer einmal wieder überlisten zu können? Und irgendwann einen Platz in der Hierarchie der Ghettos zu erringen, den einem so leicht keiner mehr streitig machen kann?

28.) Eine Kunst, die sich weigert, ihre eigene politische Ökonomie aufzuklären, betrügt auch ihre Adressaten. Das nur zählt, „was hinten rauskommt“, ist eine faustdicke Lüge. Was hinten rauskommt ist immer auch Ausdruck dessen, was man vorn gefressen hat.

29.) Natürlich heißt das nicht, dass es keine List in der politischen Ökonomie geben darf. Es heißt nur, dass radikale Kunst weder für die Ökonomie noch für die Autoren noch für den Betrieb noch für das Medium noch für die Politik entsteht, sondern für die Adressaten. Für das offene Auge. Für eine Verbindung zwischen autonomen, revoltierenden Subjekten.  (Jeder Film, der etwas auf sich hält, ist eine Form der visuellen Revolte.) Das industrielle Bewegtbild betrachtet seine Adressaten als Feinde, die es zu täuschen und zu überwältigen gilt. Der nomadische Film betrachtet seine Adressaten als Freunde, denen man nur von gleich zu gleich und unter Autonomen begegnen kann. Die Grenzen zwischen den Produzenten und den Adressaten werden fließend, vielleicht gibt es sie eines Tages nicht mehr.

30.) Und jetzt machen wir uns auf den Weg.

realeyz