Der Mensch als Eigentum: Twelve Years A Slave

     |    Saturday, der 18. January 2014

Fungierte der Völkermord an den fälschlich als „Indianer“ titulierten Ureinwohnern Nordamerikas schon des öfteren als Gegenstand mehr oder weniger gelungener Hollywood-Filme, nimmt sich die Traumfabrik nun eines weiteren Schandflecks der US-Geschichte an: des Sklavenhandels. Quentin Tarantino näherte sich dem Thema in „Django“ nach seinem bewährten dramaturgischen Muster, dessen finaler Shoot-Out mehr Leichen generierte, als alle Shakespeare-Dramen zusammen. Dadurch nahm er seinem bis dahin überzeugenden Film die themenspezifische Schärfe und degradierte ihn selbst zu einer Art Rache-Western mit einem schwarzen Cowboy als Helden.
Steve McQueens mit einem Golden Globe ausgezeichnetes und neun Oscar-Nominierungen bedachtes Drama „Twelve Years A Slave“ (es startete am 16. Januar in den deutschen Kinos) optiert dagegen für eine schwierigere und schmerzlichere Herangehensweise. Zwar erfährt sein Protagonist, Solomon Northup am Ende ein – sofern man dieses Wort benutzen kann – glimpfliches Ende, doch davor muss er ein Dutzend Jahre lang durch die Hölle gehen.
Northup hat es wirklich gegeben. Der schwarze Geigenspieler lebte als freier Mann im Staate New York, bis er 1841 von Menschenhändlern entführt und an Sklavenhändler in Louisiana verkauft wurde. Vergeblich beteuert der von Chiwetel Ejiofor verkörperte Familienvater, ein freier Bürger zu sein: Es nützt nichts. Ein anderer Leidensgenosse warnt ihn: Wenn er überleben will, darf er nicht zeigen, dass er gebildet ist, also lesen und schreiben kann und einige Reisen unternommen hat.
Der verzweifelte Northup, von nun an nur noch mit dem Sklavennamen Platt angesprochen, sagt, er wolle nicht überleben, sondern leben. Doch auf der Farm des noch halbwegs humanen Plantagenbesitzers William Ford (Benedict Cumberbatch) wird er nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit einem brutalen Vorarbeiter so bestraft, dass alles andere als Überleben wie Luxus erscheint: Er muss stundenlang mit einer Schlinge um den Hals an einem Baum aufgeknüpft auf den Fußspitzen stehen – strauchelt er oder lassen die Kräfte nach, ist er tot.
Die Maxime des Überlebens gilt auch auf der Baumwollplantage, in die Northup bald strafversetzt wird. Hier führt der sadistische Edwin Epps das Zepter, und wer Michael Fassbender je gemocht hat, dem werden sämtliche Sympathien für diesen großartigen Schauspieler, durch die Art, wie er Epps spielt, für die Dauer des Films vergehen. Epps peinigt seine Sklaven, die er als Gebrauchsgegenstände und sein Eigentum betrachtet, mit grausamem Auspeitschen, Psychoterror und Vergewaltigungen.
Beschönigt wird in „Twelve Years a Slave“ also wahrlich nichts: Manche Szenen, auch psychische Erniedrigungen, sind für den Zuschauer nur sehr schwer zu ertragen. So werden die schwarzen Sklaven interessierten Plantagenbesitzern regelrecht wie Vieh vorgeführt, werden unter Verletzung jeglicher Schamgrenze und Menschenwürde entmenschlicht. Doch trotz allen Schluckens und gelegentlichen Wegguckens, das Regisseur Steve McQueen seinem Publikum abverlangt, artet die explizite Gewalt nie zum Selbstzweck aus.
Noch nie hat sich ein US-amerikanischer Film so ungeschönt und ausschließlich der Sklaverei gewidmet. Selbst Steven Spielbergs „Amistad“ verwandelte sich in ein Gerichtsdrama, während sein „Lincoln“ die Sklaverei nur verbal zum Thema machte. Außerdem ist McQueens Film nicht nur gut gemeint wie etwa Lee Daniels’ Drama „The Butler“, das sich kürzlich auch dem Thema der Emanzipation der Afroamerikaner widmete, aber dramaturgisch schwächelte und viel zu oft in Sentimentalität umkippte. Zwar spitzt das Sklavendrama durchaus emotionale Momente zu, aber diese sind durch die Extremsituation Northups begründet, und selbst ein unsubtiler Filmkomponist wie Hans Zimmer hält sich hier mit seinem Score einigermaßen zurück.
Indem „12 Years A Slave“ anhand eines Einzelschicksals die Barbarei der Sklaverei plastisch und drastisch schildert, setzt er den Opfern und ihren Nachkommen ein eindrucksvolles filmisches Denkmal und wird den einen oder anderen selbstzufriedenen weißen Amerikaner womöglich zum Nachdenken bringen. Northup wird am Ende des Films übrigens als halb gebrochener Mann befreit – ein Privileg, das Millionen seiner Mitsklaven nicht vergönnt war.
Kira Taszman

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