Der Aufsteiger

     |    Tuesday, der 17. March 2015

Von den Verführungen der Macht und dem brutalen Alltagsgeschäft der Politik handelt Pierre Schoellers eindringliches französisch-belgisches Drama. Im Mittelpunkt steht der aufsteigende Minister Saint-Jean (Olivier Gourmet), ein raffinierter Polit-Profi, der die Mechanismen des Geschäfts auf höchster Staatsebene verinnerlicht hat. Tolle Schauspieler und eine nüchterne Regie machen das abgebrühte Politikuniversum in dem – von den Dardenne-Brüdern mitproduzierten – Film plastisch nachvollziehbar.

Mitten in der Nacht wird der Transportminister Saint-Jean aus dem Schlaf geklingelt. Eine Tragödie hat sich ereignet: Ein Schulbus ist einen Hang hinuntergestürzt und hat ein Dutzend junger Menschen in den Tod gerissen. Unverzüglich begibt sich der Minister an den Unfallort. Dort sieht er das Chaos, verzweifelte Hinterbliebene oder ein provisorisches Zelt, in dem die Leichen aufgebahrt werden. Der Minister spricht wohl gewählte Worte des Beileids in die Kameras und Mikros sensationsgeiler Journalisten und stellt – teils wahrhaft empfundene, teils einstudierte – Trauer zur Schau. Der passende Schlips wurde von der PR-Beraterin (Zabou Breitman) im Vorfeld ausgesucht, und sie ist es auch, die ihn zwischen seinen Terminen im Dienstwagen brieft.

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Saint-Jean ist ein Vollprofi, aber als sein eigentliches Mastermind agiert Gilles (hervorragend als treuer Berater: Michel Blanc). Der persönliche Referent und Stratege Saint-Jeans zieht im Hintergrund die Fäden, erarbeitet Schlachtpläne und trifft sich mit den Leuten, auf die es ankommt.

In den Medien wird Saint-Jean als Krisenmanager gefeiert, er ist in aller Munde. Doch wie einsam das ständige Hetzen zwischen Meetings auf höchster Staatsebene macht, illustriert der Film eindringlich: Zuweilen wirkt er fast wie ein Doku-Drama. Freizeit oder ein Eheleben finden bei Saint-Jean nicht statt, seine Frau vertröstet er stets auf später. Das einzig neue Gesicht in seiner unmittelbaren Entourage ist der Fahrer Kuypers, eine ehrliche Seele.

Tageskarte 22.11.12/ Kino/ Der Aufsteiger

Dass Prinzipien nur so lange gelten, bis sie der Karriere nicht abträglich werden, beweist die Episode um die Privatisierung der Bahnhöfe. Zunächst bekämpft der Transportminister sie lautstark, dann knickt er ein. Letztlich funktioniert er nach dem Motto: nach unten treten, nach oben lecken. Bei Krisenstäben oder Brainstormings kommandiert der launische Top-Politiker seine Mitarbeiter herum, während er im Kabinett eher den Jasager spielt.

Regelmäßig überblendet die Kamera das Bild mit dem Handy-Display von Saint-Jeans gerade empfangenen SMS. Oft hat er zwei Mobiltelefone am Ohr, denn bei wichtigen Gesprächen lässt er sich von dem dazugeschalteten Gilles die Antworten zuflüstern.

Schließlich kommt es zu einer Tragödie, an der Saint-Jean nicht unschuldig ist. Kurzzeitig bricht er zusammen, muss aber keinerlei Konsequenzen fürchten. Eine der Stärken des Films – dem auch sein herausragender Hauptdarsteller Olivier Gourmet gut tut – besteht gerade darin, den Politiker stets als Menschen mit Gefühlen und auch Anflügen von Großzügigkeit zu zeigen und nicht als die Karikatur eines Karrieristen. Dass er letzteres dennoch ist und für seine Beförderung auch ein Bauernopfer bringt, arbeitet dieses Porträt eines fiktiven französischen Spitzenpolitikers sehr glaubwürdig heraus.

Kira Taszman
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