Christian Petzold – Interview zu seinem neuen Film „Phoenix“ und Harun Farocki

     |    Thursday, der 25. September 2014

Petzold Interview Harun FarockiChristian Petzold (Jahrgang 1960) ist einer der national und international renommiertesten deutschen Regisseure. Mit seinen Filmen „Die innere Sicherheit“ (2000), WOLFSBURG (2003), „Yella“ (2007) oder „Barbara“ (2012) gewann er zahlreiche Auszeichnungen. „Phonenix“, der neue Film von Christian Petzold, der am 25. September in die Kinos kommt, markiert seine sechste Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Nina Hoss. Er handelt von einer jüdischen Auschwitz-Überlebenden, die nach einer Gesichtsoperation nach Berlin zurückkehrt. Dort will sie ihren Mann zurückerobern, doch der erkennt sie nicht wieder und will sie aufgrund der Ähnlichkeit mit seiner tot geglaubten Frau ausnutzen, um sich ihr Erbe zu sichern.
Im Interview spricht Petzold über seinen kürzlich verstorbenen Freund, Mentor und Mitarbeiter Harun Farocki, seine Liebe zu Krimis sowie über Geschichtsaufarbeitung und die Obszönität von Nazi-Bildern.

PHOENIX  2013

Herr Petzold, „Phoenix“ basiert auf dem französischen Roman von Hubert Monteilhet, „Le retour des cendres“ aus dem Jahre 1961. Warum haben Sie als deutscher Regisseur diesen Stoff verfilmt?

Christian Petzold: Das hängt alles mit meinem Freund Harun Farocki zusammen. Er und ich hatten eine große Sammlung von Kriminalromanen, und als wir uns kennen lernten, Mitte der Achtzigerjahre, haben wir gemerkt, dass wir wie Jugendliche, die Fußballbilder von Panini sammeln, uns nach Kriminalromanen abfragten. Während meiner Zivildienstzeit in Haan leitete ich ein kleines Kino mit, und in der dortigen Mitarbeiterbibliothek gab es das berühmte Heft über „Vertigo“ von Hitchcock. Dazu hatte Harun einen Text geschrieben, und darin tauchte auch der Roman auf.

Waren Sie da schon Filmstudent an der dffb?

Nein, das war davor. Ich bin als Gast an der dffb zu seiner Vorlesung gegangen. Er hat mich gefragt, ob ich Fußball spiele, und ich sagte ja, und so haben wir uns beim Verein Tasmania Berlin richtig kennen gelernt. Wie man sich so kennen lernt beim Fußballverein, beim Duschen: „Hast du noch ’n bisschen Shampoo?“ (lacht) Später hat er mir den Roman zu lesen gegeben, und wir waren beide total begeistert. Das war so ein Wunschtraum von uns, ihn zu verfilmen, weil wir dessen Konstruktion genial fanden.

Inwiefern unterscheidet sich „Phoenix“ von dem Kriminalroman?

Der Roman spielt in der französischen Bourgeoisie. Er ist in Tagebuchform geschrieben und so kann die Frau, die Auschwitz überlebt hat, über sich selber berichten. Und da dachten wir: Wo ist das deutsche Bürgertum? Die haben doch ihre Seele an den Nationalsozialismus verkauft oder sie haben eine so vollständige Niederlage hingenommen, dass es sie nicht mehr gibt. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass im Bungalow eines VW-Managers diese Geschichte stattfinden könnte. Dann haben wir immer wieder darüber gesprochen und festgestellt, dass in meinen Filmen oft Frauen vorkommen, die sich männlichen Projektionen entziehen und sich selber suchen.

So wie in „Toter Mann“ oder „Yella“…

Ja. Und dann haben wir „Barbara“ gedreht mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld, und da dachte ich mir: Die beiden strahlen ein Liebesversprechen aus. Sie sind stark, das mache ich mit ihnen, die Verfilmung dieses Romans. Also habe ich mit Harun das Drehbuch begonnen. Da sind natürlich die ganzen Erfahrungen der Heimkehrerfilme, etwa „Die Verlorene“ mit Peter Lorre, „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfang Staudte oder „Deutschland im Jahre Null“ von Rossellini eingeflossen. Es gibt ja gerade in Deutschland so wenige Filme über Heimkehrer. Alle diese Filme sind an der Kinokasse gescheitert.

PHOENIX 2013

Vertrauen Sie dem Publikum heute mehr, solche Stoffe anzunehmen?

Dieses Zurückholen der Ausgegrenzten, der Ermordeten, hat in den letzten Jahren zugenommen. Das merkt man daran, dass das Auswärtige Amt eine Studie über die faschistische Diplomatie bis in die Fünfzigerjahre hinein in Auftrag gegeben hat. Auch der DFB (Deutscher Fußballbund, A.d.R.) hat sein Verhalten während des Nationalsozialismus aufarbeiten lassen. Selbst die Familie Quandt hat das gemacht. Man merkt es an den Museen, die wir hier in Berlin haben, dem Jüdischen Museum, der Topographie des Terrors, dass die Reflexion wesentlich präziser ist und nicht mehr von den faschistischen Strukturen, die ja noch lange in der Bundesrepublik angedauert haben, eingeengt und verdrängt wird. Und das hat uns bestimmt auch Mut gemacht, das Thema aufzugreifen.

Es heißt, Sie hätten bei „Barbara“ die Aufnahmen des gesamten ersten Drehtages weggeschmissen…

Auch bei „Phoenix“ haben wir den gesamten ersten Drehtag weggeschmissen. Ich hatte bei „Phoenix“ am ersten Tag die Erschießung von Nelly gedreht, die sie aber überlebt. Das Licht war toll und alles war still. Durch diese Perfektion hatte ich auch einen ganz klaren Blick darauf und sah dann überall diese KZ-Kleidung der Erschossenen. Und da dachte ich mir: Das ist ja genau das, was ich nie wollte. Ich wollte nie Regie führen und sagen: „Komparsen in Wehrmachtsuniform: Genickschuss im Gegenlicht.“ Da war ich dann für einen Moment im Reichsbunker als Regisseur. Das war nicht brauchbar, weil es anmaßend ist, finde ich.

PHOENIXHeißt das, Sie erlegen sich wie Claude Lanzmann, der Regisseur des epochalen Dokumentarfilms „Shoah“, ein gewisses Bilderverbot auf?

Ich finde nicht, dass ich mir das auferlege, sondern das ist einfach da. Das ist ja kein Übertreten, sondern Gedankenlosigkeit und Empathielosigkeit, wenn Leute meinen, die Gaskammer filmen zu können. Baudrillard hat einmal gesagt, Obszönität bedeutet eigentlich, keinen Erzählraum zu haben. Das ist wie Porno, das ist ja auch keine Erzählung, sondern einfach nur Metzgerei. Und so eine Obszönität steckt, finde ich, auch in nachgestellten Nazi-Szenen. Da ist nur die Empörung da.

Können Sie das ausführen?

Harun [Farocki], mit dem das Drehbuch entstanden ist, hatte 1969 den Film „Nicht löschbares Feuer“ gedreht. Darin sagt er: ‚Wenn ich Ihnen jetzt ein napalmverbranntes Opfer aus dem Vietnam-Krieg zeige, sind Sie nur empört.’ Aber es geht darum, Ursache und Wirkung und nicht nur das Opfer zu sehen. Das ist genau das, was die Deutschen mit sich selbst machen, dass sie sich als Opfer darstellen und sich dadurch jeder Reflexion und Schuld entziehen. Die Erschießung eines Kindes durch einen Nazi oder die Schreie von den Menschen in den Gaskammern sind im Kino skandalös. Das geht einfach nicht. Weil man es nicht nacherzählen kann.
Mit Christian Petzold sprach Kira Taszman

Alle „Phoenix“-Fotos ©Christian Schulz

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