Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Saturday, der 28. July 2018

Am Samstag ging der Christopher Street Day queer durch -nicht nur- Berlin. Wo Politik, Regenbogenästhetik und Freude zusammenlaufen, kann Berlin einen eigenartigen Sog aufbauen, der im doppelten Sinne thrilling, wie in Lose Your Head, den sich Oliver Armknecht von film-rezensionen.de angeschaut hat:

Vorwärts, rückwärts, nirgendwo hin. Treiben lassen, ohne Gesichter. In elektronischer Musik verlieren, sich und den anderen.

„Regel Nummer eins: Frag in Berlin niemanden, was er macht.“

Warum auch? In Berlin scheint niemand etwas zu machen, so der Eindruck, den man in Lose Your Head gewinnt. Partys, was anderes interessiert den Spanier Luis (Fernando Tielve) auch nicht, er ist für ein paar Tage in die Hauptstadt gekommen, um sich zu amüsieren. Als er die Chance erhält, in einen angesagten Club zu kommen, ist es ihm auch herzlich egal, dass seine angesäuerten Freunde vor der Tür bleiben und nicht reindürfen.

„You’re gonna lose you head“, heißt es nur, als ihm die Drogen in die Hand gedrückt werden. Was folgt ist ein Rausch, der sich auch die nächsten Tage fortsetzt, in dem sonderbare Menschen ein und ausgehen, mit der Musik verschmelzen und die Realität mit der nächsten Pille hinuntergeschluckt wird.

Zunächst erinnert der deutsche Film dabei ein wenig an Oh Boy, mit seinem durch Berlin streifenden Protagonisten und den eigenartigen Begegnungen, die er dabei macht. Waren diese beim Kritikerliebling aber eher skurriler Natur, oft auch witziger, ist Lose Your Head dunkel, unangenehm, bedrohlich. Auf diese Weise gelingt den beiden Regisseuren Stefan Westerwelle und Patrick Schuckmann ein faszinierender Blick auf die verborgene Seite der Hauptstadt, Menschen, die sich völlig der Anonymität hingegeben haben und über die wir größtenteils nichts erfahren.

Doch das Duo wollte noch mehr und lenkt den Film auf konventionellere Thrillerbahnen, als Luis Elena (Sesede Terzyian) und Kostas (Stavros Yagulis) begegnet. Beide sind aus Griechenland angereist, um Elenas verschwundenen Bruder Dimitri zu finden, der große Ähnlichkeit mit Luis aufweist. Und noch etwas verbindet den Spanier mit seinem griechischen Doppelgänger: Viktor (Marko Mandic). Schon im Club war Luis der Ukrainer aufgefallen. Als er ihm kurze Zeit später erneut begegnet, verliebt er sich in den mysteriösen Fremden. Doch bald schon dämmert ihm, dass da etwas mit Viktor nicht stimmt. Dass der Dimitri nicht nur kannte, sondern auch mehr über ihn weiß, als er zugeben will.

Auch der Thrilleraspekt ist in Ordnung, wird zum Ende hin sogar noch mal richtig spannend. Mit dem hypnotischen Einstieg kann die Suche nach dem Verschwundenen jedoch nicht konkurrieren. Lose Your Head ist immer dann richtig sehenswert, wenn er die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verwischt, den Zuschauer im Unklaren lässt, was da eigentlich genau passiert. Eine wichtige Stütze dabei ist Marko Mandic, der als undurchsichtiger Viktor seine Sache richtig gut macht. Irgendwie charismatisch, dann aber auch abstoßend und furchteinflößend, wird er schnell zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Aber auch er kann nicht verhindern, dass zwischendurch immer mal wieder Längen den Fluss unterbrechen, wenn der Film einfach nicht vom Fleck kommt oder sich zu sehr auf Genrestandards ausruht.

Inspiriert wurde die Geschichte übrigens durch den wahren Fall des Portugiesen Afonso Tiago, der 2009 in Berlin spurlos verschwand und Wochen später ermordet aufgefunden wurde. Wirklich aufgeklärt wurde das Verbrechen nie und auch in Lose Your Head wird nicht unbedingt jede Frage beantwortet. An manchen Stellen unterstützt das die Atmosphäre gut, an anderen wirken die Zufälle eher konstruiert und nicht nachvollziehbar. Doch trotz der kleineren Schwächen ist Westerwelle und Schuckmann ein interessanter, kleiner Film geglückt, der alleine schon für seine stimmungsvollen Streifzüge einen Blick wert ist.

Tief hinein in das anonyme Nachtleben Berlins lässt uns der Independentfilm Lose Your Head tauchen. Der Thrillerteil um einen verschwundenen Jugendlichen ist nur teilweise geglückt, die hypnotische Stimmung ist es dafür umso mehr.

User Review