Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Tuesday, der 10. July 2018

Vom 11. bis zum 15. Juli findet das 5. Iranische Filmfestival München statt, und wer es gerade trotz neuer Bahnverbindung nicht nach München schafft, kann Gefallen an den Geschichten aus Teheran auf realeyz.de finden – oder mit dem Film eine Einstimmung für die ganz besondere und politisch hochprekäre Kinokultur Irans finden, wie Oliver Armknecht von film-rezensionen.de argumentiert:

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Während der Iran in den letzten Jahren ein wenig aus dem Blickfeld der Medien gerutscht ist und man entsprechend kaum noch etwas aus dem persischen Land hört, sind es dafür die Filmemacher, welcher inzwischen umso genauer hinschauen und ihre Erkenntnisse – zu unserem Glück – auch mit deutschen Kinogängern teilen. Die Zugänge könnten dabei unterschiedlicher nicht sein: Manche wählen das Medium des Horrorfilms (A Girl Walks Home Alone at Night, Under the Shadow), um etwas über die Gesellschaft zu erzählen, Dokumentarfilme über den dortigen Sport (Der Iran Job) oder Underground-DJs (Raving Iran) bringen uns Teilaspekte näher, Taxi Teheran nahm uns letztes Jahr auf eine Fahrt durch die Hauptstadt mit, zeigte uns dabei Land und Leute aus ungewohnten Perspektiven.
In eine ganz ähnliche Richtung verschlägt es hier Rakhshan Bani-Etemad, die Grande Dame des iranischen Kinos. Seit 30 Jahren dreht die Regisseurin und Drehbuchautorin Filme und hat offensichtlich immer noch mehr als genügend Geschichten zu erzählen. So viele, dass sie bei Geschichten aus Teheran darauf verzichtet, den Zuschauern einen roten Faden mitgeben zu wollen, eine durchgehende Handlung oder wiederkehrende Figuren. Mit einer Taxifahrt beginnt hier alles, mit einer Fahrt endet der Film. Dazwischen tummeln sich allerlei Gestalten aus den unterschiedlichsten Bereichen, mit ihren unterschiedlichsten Sorgen und Nöten.
Da gibt es beispielsweise den Analphabeten, der seiner Frau misstraut, weil diese Briefe an ihren Ex schreibt. Eine andere Frau wiederum ist auf der Flucht vor ihm ihren Mann, der sie zuvor misshandelt hat. Eine ältere Dame kämpft für ihren Sohn, der im Gefängnis sitzt. Eine ganze Gruppe von Menschen, die unter der Schließung einer Fabrik leidet, versucht sich Gehör zu verschaffen. Zum Ende ist es ein Mann, der unter seinen nicht erwiderten, unterdrückten Gefühlen einer ehemaligen Drogenabhängigen gegenüber leidet. Teilweise zumindest versucht Bani-Etemad, diese vielen Einzelfäden zu verbinden, indem sie Übergänge schafft – nach einem längeren Dialog eines weiteren gescheiterten Paares, welches sich in der U-Bahn über seine Zukunft unterhält, folgt die Kamera im Anschluss einem Herrn, der ebenfalls mit dieser Bahn unterwegs war. Aber nicht alle der Geschichten bekommen eine solche Überleitung, müssen am Ende für sich stehen.
Der Ton wechselt dabei manchmal, von traurig zu komisch, der Inhalt ist mal universell, dann wieder sehr individuell. Was jedoch alle Episoden vereint ist, wie sie die Menschen beim täglichen Kampf im Alltag zeigt. Menschen, die ihr Glück suchen, oft aber an der einen oder anderen Situation scheitern. Nicht ohne Grund endet der Film mit der besagten ehemaligen Drogenabhängigen, die sich für Leidensgenossen stark macht und trotz ihrer Lossagung weiß, dass es oft genug die Umstände sind, die über unser Leben bestimmen. Darüber, ob uns etwas gelingt oder wir Verlierer sind.
Dass hier praktisch alle der Kategorie Verlierer zugeordnet werden können – sei es auf der beruflichen oder privaten Ebene –, lässt Geschichten aus Teheran manchmal etwas einseitig werden. Und wie es bei solchen Episodenfilmen üblich ist, wird einen nicht jedes Schicksal gleich treffen, allein schon, weil einige in nur wenigen Minuten nicht den Raum haben, um emotionale Kraft zu entwickeln. Im Großen und Ganzen treffen die Geschichten aber ihr Ziel, sind mal tieftraurig, erschreckend oder einfach nur fesselnd, lassen hinter den Bildern, welche die Nachrichten übermitteln, die Menschen hervortreten, die zusammen mit all ihren Sorgen und Sehnsüchten das eigentliche Herz des persischen Landes sind.

Fazit
„Geschichten aus Teheran“ versammelt eine Reihe von Einzelschicksalen aus der iranischen Hauptstadt, die sich meistens mit dem täglichen Scheitern der Menschen befassen. Heraus kommt ein düsteres Bild, das trotz einer fehlenden Haupthandlung meistens bewegt und fesselt.

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