Oliver Armknecht / film-rezensionen.de   |    Tuesday, der 11. September 2018

Seit Jahren schon war Anna (Marie Blokhus) nicht mehr in ihrem norwegischen Heimatdorf gewesen. Erst der Tod ihrer Großmutter bewegt sie dazu, doch ihre Koffer zu packen und an den Ort zurückzukehren, der für sie mit vielen traurigen Erinnerungen verbunden ist. So richtig auf ihre Rückkehr gewartet hat dort jedoch niemand. Wenn es nach ihrem mürrischen Großvater Johannes (Sven-Bertil Taube) ginge, hätte sie ruhig in Berlin bleiben können. Und auch bei ihrem Ex-Freund Håvard (Tobias Santelmann) hält sich die Wiedersehensfreude in Grenzen, denn der hat als alleinerziehender Vater einer traumatisierten Tochter ganz andere Sorgen.

„Hat er dir nichts von Großmutters Tod erzählt?“

„Er spricht schon seit Jahren mit niemandem mehr.“

Es ist nur ein kurzer Dialog zwischen Anna und einem Nachbarn, und doch bezeichnend – für Johannes, aber auch Anna und jeden anderen Protagonisten in Chasing the Wind. Smalltalk gilt gemeinhin nicht unbedingt als die hervorstechendste Eigenschaft der Skandinavier. Hier sind es hingegen vor allem die großen Themen, die hinter einer Maske des Schweigens verschwinden: Tragödien und persönliche Verletzungen, Enttäuschungen und Traumata, Wut und Trauer. Niemand hat in dem Dorf gelernt, offen über seine Gefühle zu sprechen, unbeachtet wuchern diese in den Bewohnern, zerfressen sie von innen. Und wenn sie doch einmal nach außen treten, dann manifestieren sie sich in grimmigen Blicken, kleinen Sticheleien oder auch den sonderbaren Spielen von Håvards Tochter.

Ein Film, dessen Geschichte sich also nur über Bande fortentwickelt, anstatt sie in Dialogen voranzutreiben, riskiert natürlich immer, den Zuschauer außen vor zu lassen. Und doch gelingt es dem norwegischen Drama sehr gut, einen langsam in das Innenleben der problembehafteten Figuren hineinzuziehen. Das liegt zum einen an dem inszenatorischen Geschick von Regisseur Rune Denstad Langlo, der in seinen wunderbaren Bildern die Einsamkeit seiner Protagonisten einfängt, das Gefühl der Isolation, völlig auf sich allein gestellt zu sein: viele weitläufige Landschaftsaufnahmen, wenige Menschen. Und auch die Darsteller erledigen ihre Aufgaben hervorragend, mit wenigen Worten, oft sind es nur Blicke oder die Körpersprache, verraten sie, wie es um sie selbst und um ihr Verhältnis zu den anderen gestellt ist.

Fazit
Wenn Chasing the Wind ein Problem hat, dann ist es deshalb auch weniger das Gerüst, sondern das, womit es gefüllt wird. Familiendramen, die sich um verhärtete Fronten und ungeklärte, nie angesprochene Streitigkeiten drehen, sind legitim und in Maßen auch durchaus realistisch. Hier jedoch hat man jegliches Gespür verloren, wie viel den Zuschauern zuzumuten ist, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu untergraben. Tod, Ehebruch, sexuelle Frustration, psychische Störungen – alles wurde in die Geschichte gepackt, manches sogar mehrfach. Und das ist nicht nur für 90 Minuten ziemlich viel, sondern vor allem auch angesichts der sehr überschaubaren Anzahl an Protagonisten. Wenn zum Schluss hin dann endlich auch die eigentlichen Konflikte angesprochen werden, ist man als Zuschauer längst schon viel zu abgestumpft, um diese noch ernstzunehmen. Und damit steht sich der ansonsten durchaus sehenswerte norwegische Film dann letzten Endes selbst im Weg.

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