Bilanz des diesjährigen Filmfestivals Cottbus

     |    Friday, der 15. November 2013

Russland ist kalt, Russland ist korrupt, Russland ist hoffnungslos. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck bei den russischen Arthouse-Filmen auf, die man bei dem kürzlich zu Ende gegangenen 23. Filmfestival des osteuropäischen Films in Cottbus sehen konnte. Ertragen kann man derlei Zustände nur mit typisch russischem Galgenhumor. Einen anderen, zeitlosen Aufmunterer stellt natürlich der Wodka dar. Beide kommen in Alexander Weledinskis Drama „Der Geograf, der den Globus austrank“ ausgiebig zum Einsatz. Der Hauptpreisträger des Festivals spielt im gottverlassenen Perm im Uralvorland im mittleren Russland, und handelt von einem frisch ernannten Geografielehrer, Viktor, der eigentlich gelernter Bibliothekar in naturwissenschaftlichen Bibliotheken ist. Nun bekommt er es mit einer Bande aufsässiger, desinteressierter und lauter Teenager zu tun – seinen neuen Schülern. Dass Viktor häufig angetrunken zum Unterricht erscheint, den Damen nachstellt und seinen Schutzbefohlenen wenig Respekt entgegen bringt, kommt bei Letzteren nicht besonders gut an.
Erst eine so genannten Klassenfahrt, ein lebensgefährlicher Rafting-Trip durch reißende sibirische Gewässer, bringt die Wende. Zwar ist Viktor (Konstantin Chabenski) dort nicht minder besoffen als sonst (eher mehr), aber was seine Rabauken von Schützlingen dort vollbringen – vor allem im hochspannenden Finale des Films – imponiert sogar dem desillusionierten Zyniker.
In seiner Sicht auf die Jugend bleibt der Film einer längst vergangen geglaubten sowjetischen Tradition treu: dem Glauben an die junge Generation, dem hochgejubelten Ideal der damaligen sozialistischen Gesellschaft. Dass diese Konstante alter Sowjetfilme auch in ein Werk integriert wird, das ansonsten ein eher düsteres Bild der heutigen turbokapitalistischen russischen Gesellschaft zeichnet, entpuppt sich als Oxymoron, das jedoch aufgeht.

Ein weiterer Schwerpunkt der 150 Lang- und Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme in Cottbus war den Sinti und Roma gewidmet: Erzählt wurde von ihren Traditionen, ihrer Kultur, aber auch von Verfolgung und Diskriminierung.
So schilderte der polnische Wettbewerbsbeitrag „Papusza“ (Regie: Krzysztof Krauze und Joanna Kos-Krauze) das Leben der authentischen Roma-Dichterin Bronislawa Wajs (1908 – 1987), alias Papusza, in mal poetischen, mal sehr plastischen Schwarzweißbildern. Wajs’ Gedichte beschrieben das Leben ihres Volks und wurden im Nachkriegspolen sehr geschätzt. Leider sorgten sie auch dafür, dass Papusza aus der Gemeinschaft der Roma verstoßen wurde. Der Vorwurf, sie habe sich an die Mehrheitsgesellschaft der „Gadschos“ verkauft, rührt daher, dass die Überlieferung von Wissen bei den Roma traditionell nur intern und in mündlicher Form erfolgt.
Ein so kurioses wie letztlich berührendes Kapitel jüdischer und deutscher Geschichte behandelt die Doku „Schnee von gestern“ der in Berlin lebenden israelischen Regisseurin Yael Reuveny. Sie beschreibt ein fast unglaubliches Kapitel in ihrer eigenen Familiengeschichte. So begibt sich Reuveny auf die Spur ihres Großonkels Feivke Schwarz, eines Juden aus Wilna, der nach dem Krieg als tot galt. In Wirklichkeit überlebte er den Holocaust und baute sich ausgerechnet im brandenburgischen Schlieben, wo er im Außenlager des KZ Buchenwald interniert war, eine neue Existenz auf. Als Peter Schwarz lebte er mit deutscher Frau und Kindern als normaler DDR-Bürger. Seine Schwester in Israel, die nach dem Krieg nach dem Hinweis eines Bekannten vergeblich im polnischen Lodz einen Tag lang auf den Bruder gewartet hatte und ihn dann für tot hielt,  kontaktierte er nie.
Sie war die Großmutter der Filmemacherin und gab das Trauma des verlorenen Bruders an die beiden folgenden Generationen – Tochter und Enkelin – weiter. Als Reuveny in Brandenburg tatsächlich neue Familienmitglieder ausfindig macht, muss sie die Freude über diese Entdeckung mit der Skepsis der Mutter in Einklang bringen. Der berührende Dokumentarfilm thematisiert Verdrängung und Vergebung und mündet schließlich doch in eine Art Familienzusammenführung.

Kira Taszman

 

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