Berlinale-Splitter 3: Arme Kinder

     |    Saturday, der 15. February 2014

Ist die Welt ein schöner, aufregender Ort, an dem das Leben Freude bereitet? Natürlich nicht, jedenfalls nicht in den meisten Berlinale-Filmen, und das hat auf dem Berliner Festival Tradition. Krieg, Zerstörung, Habgier, Missgunst und Missbrauch sind hier Missstände, denen die Helden nicht immer gewachsen sind. In diesem Jahr wird im Wettbewerb (aber auch in anderen Sektionen) auffällig oft Kindern und Jugendlichen Übermenschliches abverlangt und ihnen damit das Leben auf mitunter folgenschwere Weise verleidet.

So muss der elfjährige Titelheld in dem deutschen Drama „Jack“ (Regie: Edward Berger) oft seinen fünfjährigen Bruder Manuel versorgen. Die Mutter, sehr jung, sehr sorglos, sehr verantwortungslos – wenn auch durchaus liebevoll, wenn sie sich einmal um die Kinder kümmert – fühlt sich oft genug nicht dafür zuständig, nach ihren beiden Jungen zu sehen. Also übernimmt Jack die Versorgerrolle: Er bereitet dem kleinen Bruder das Frühstück zu, fährt mit ihm U-Bahn, bringt ihn zur Schule, ins Bett – und ist heillos überfordert. Als er Manuel aus Versehen im Badezimmer verbrüht, kommt er ins Heim. Dort herrscht das Recht des Stärkeren, und Jack entwickelt sich wider Willen zu einem kleinen Brutalo. In den Ferien soll die Mutter ihn dann abholen – doch Pustekuchen. Sie manifestiert sich nicht. Also irrt Jack mit Manuel durch die Straßen Berlins, sucht Mama, übernachtet in einem Parkhaus und muss Mundraub begehen, um sich und seinen kleinen Bruder über Wasser zu halten.

Solche Dinge können nur in der Anonymität der Großstadt geschehen, auch dass Kinder sich tagelang vor den Behörden verstecken können, ist in „Jack“ glaubhaft geschildert. Es geht nicht um Lieblosigkeit, sondern um den sträflichen Leichtsinn der Mutter, der die Kinder in diese Notlage bringt. Nicht alles ist logisch in diesem Berliner Kinderdrama, auch narrativ verläuft sich der Film zuweilen. Doch die Kinderdarsteller spielen sensationell. Vor allem Ivo Pietzcker als Jack kann die Verzweiflung, Verlorenheit, momentane Freude (wenn Mama da ist) oder Eifersucht (wenn Mamas „Neuer“ sich zu sehr in ihr Dreierleben einmischt) sehr glaubhaft vermitteln. Er möchte seine Mutter nicht verlieren, hält eisern zu ihr, entschuldigt stets ihre Vernachlässigung. Aus asozialen Verhältnissen stammen die Kinder nicht, aber eine glückliche Kindheit sieht anders aus, und Verantwortung von Erwachsenen gegenüber Kindern – dazu zählen ebenso die Bekannten und Freunde der Familie – auch.

Dass ein Zuviel an Kontrolle durch die Eltern genauso katastrophale Folgen zeitigen kann, demonstriert ein weiterer deutscher Wettbewerbsbeitrag: „Kreuzweg“ von Dietrich Brüggemann. In vierzehn streng durchkomponierten Tableaus mit jeweils einer einzigen Bildeinstellung schildert er den Leidensweg der 14-jährigen Maria. Deren Eltern sind Mitglieder einer streng katholischen Sekte, erziehen das Mädchen ohne jegliche Rücksicht auf eventuelle Bedürfnisse eines Teenagers. Sie meinen, den wahren Glauben im Dienste Jesu zu leben – und dazu gehören vor allem Pflichten, keine Rechte. So muss sich Maria, deren Firmung unmittelbar bevorsteht, an die zehn Gebote halten, darf keine Todsünde begehen und sich nicht weltlichem Teufelszeug wie Romanen oder Popmusik widmen. Das geht so weit, dass Maria sich eines Tages im Sportunterricht weigert, sich zu den „satanischen Rhythmen“ der Hintergrundmusik zu bewegen.

Auch ihren gleichaltrigen Verehrer Christian, einen Jungen aus der Parallelklasse, der mit ihr flirtet (eine der schönsten Szenen im Film), lässt sie trotz erwiderter Gefühle abblitzen. Unvorstellbar, wenn ihre Eltern herausfänden, dass sie sich mit einem Jungen trifft. Denn Maria, ein hochintelligentes, empathisches, sensibles, aber auch ehrgeiziges Mädchen, will alles richtig machen, die richtige Lehre Jesu leben, Opfer bringen – am besten für ihren vierjährigen Bruder Johannes, den sie abgöttisch liebt und der immer noch nicht spricht.

Wie eine Mesallianz aus fanatischem Pater, engstirniger und unnötig strenger Mutter und ahnungslosen Lehrern das Mädchen schließlich ins Verderben treiben, zeigt der Film, indem er den Kreuzweg Jesu metaphorisch und erbarmungslos auf seine junge Heldin überträgt. Formal und narrativ konsequent, ist „Kreuzweg“ mit seiner Kargheit und seiner meist sehr differenzierten Figurenzeichnung der bis jetzt mit Abstand beste Film von Dietrich Brüggemann.

Kann eine Mutter ihren kleinen Sohn verstoßen, den sie für den Tod ihres anderen Sohnes verantwortlich macht? Diese Frage stellt der Wettbewerbsbeitrag „Aloft“ von Claudia Llosa – aber stellt er sie wirklich? Interessant wäre sie allemal, da sie die Sphäre des Rationalen verlässt und sich voll auf die Gefühlsebene begäbe. Leider wird dieser Aspekt einer Mutter, die ihren verbliebenen Sohn verlässt, bald zugunsten des völlig Irrationalen vernachlässigt. Denn die Mutter wird eine Wunderheilerin, fühlt sich zu Höherem berufen. So gerät der Film – mit Cillian Murphy, Mélanie Laurent und Jennifer Connelly ist er prominent besetzt – nach einem anfänglich geschickt geschürten Mysterium schließlich voll auf die schiefe esoterische (Schlitter-)Bahn, denn optisch passt er auch hervorragend in die Sparte der Berlinale-Schnee-Filme. Eis, das bricht oder auch nicht, spielt darin eine wichtige Rolle und die Schauplätze sind ausschließlich im unwirtlichsten winterlichen Nordamerika angesiedelt.

Unreife volljährige Bezugspersonen gibt es nicht nur in dem bereits erwähnten Winterfilm „En du elsker – Someone You Love“ – darin schleudert der Junge seinem Popstar von Großvater einmal entgegen: „Du bist der schlimmste Erwachsene, den ich kenne“ – , sondern auch in dem Film, der als Favorit für den Goldenen Bären gehandelt wird: „Boyhood“ von Richard Linklater. Dieses filmhistorisch einzigartige Werk wurde – ein Novum im Spielfilm – über einen Zeitraum von 12 Jahren mit denselben Hauptdarstellern gedreht und begleitet seinen Protagonisten Mason (Ellar Coltrane) vom mittleren Kindesalter bis zum Einstieg ins College-Leben. Ethan Hawke mimt den unreifen Vater Mason senior: ein erwachsenes Kind oder anders herum sowie ein verhinderter Musiker, Gelegenheitsjobber und Sonntags-Papa. Patricia Arquette wiederum ist die ambitionierte Mutter Olivia, die es gut meint und immer an die falschen Männer gerät.

So jagt vor allem der zweite Ehe- und angebliche Traummann Olivias dem kindlichen Helden Mason, seiner Schwester und seinen Patchworkgeschwistern zwischendurch Angst und Schrecken ein. Er ist nicht nur ein kontrollsüchtiger Tyrann, sondern auch ein Säufer. Als er gewalttätig wird, zieht Olivia die Konsequenz und verlässt ihn. So wächst Mason, der ansonsten eine recht typisch amerikanische Entwicklung durchmacht, mit einem oft abwesenden Vater und zwei trinkenden Stiefvätern auf. Ein Wunder, dass er sich zu einem recht ausgeglichenen, coolen und musisch begabten jungen Mann entwickelt.

Besonders gelungen sind die Übergänge von einer Lebensphase Masons in die nächste. Wechselnde Haarfrisuren, Wachstum, Gewichtsschwankungen und Stimmbruch übersetzen Entwicklung und Reifeprozess des Jungen. Oft wird eine neue Lebensphase durch das Öffnen einer Tür eingeleitet, dann haben sich mitunter die Lebensverhältnisse des Jungen geändert: durch Umzug, Auszug der Schwester oder Rauswurf von Ehemann Nr. 3. Einiges davon geschieht ganz unaufgeregt in Ellipsen. So ist die Kindheit und Jugend dieses typisch amerikanischen Jungen – er wächst in wechselnden Suburbs und Kleinstädten von Texas auf – zum Glück nur stellenweise traumatisch. Kompliziert ist so ein Coming-of-Age jedoch allemal – der erste Kuss, die erste Beziehung, der erste Trennungsschmerz, nervende Eltern, eine dominante Schwester, Zweifel und Grübeleien und was ein Jungenherz sonst noch schwer macht. Die schönen Seiten dieses Jungenlebens zeigt „Boyhood“ jedoch auch – insofern wäre er in seinem Mangel an Hoffnungslosigkeit eher Berlinale-untypisch. Den gelben Edelmetall-Bären sollte er trotzdem kriegen.

Kira Taszman

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