Berlinale-Splitter 2: Schnee

     |    Wednesday, der 12. February 2014

Schnee, gefrorene Springbrunnen, Schlitterbahnen – damit kann der Potsdamer Platz zur diesjährigen Berlinale leider nicht dienen. Entschädigung für Winternostalgiker bieten dagegen die Filme, mit ihren zum Teil betörenden Schneelandschaften. Welche Rolle spielen sie in den jeweiligen Werken oder sind sie nur – auch nicht übel – einfach schön anzuschauen?

Als Leitmotiv, Schauplatz und im weitesten Sinne auch Figur fungiert der Schnee in dem dunkelhumorigen norwegischen Thriller mit dem schönen Titel „Kraftidioten“ (Wettbewerb). Ein Unternehmer und Modellbürger, der ca. 60-jährige Nils (Stellan Skarsgård), hält mit seinen Schneepflügen die Straßen und Bergpässe seiner Gemeinde frei. Die mächtigen Gefährte ackern sich durch die zugeschneiten Chausseen, wirbeln den überschüssigen Schnee zur Seite. Als Nils die wahren Schuldigen für den Tod seines Sohnes ausfindig macht – es sind Kokain-Mafiosi – wird er die Kraft-Maschinen bald für seine Rachefeldzüge benutzen. Schnee verdeckt viel und Schnee kann in dieser ländlichen Gegend in seinem unberührten strahlenden Weiß sehr idyllisch anmuten – allerdings weniger, wenn er vom Blut von Nils‘ Opfern oder den Erschossenen im finalen, tarantinoesken Shoot-Out eingefärbt wird.

Eine nicht ganz schneeunabhänige Gleichung stellen die Mafiosi im Film übrigens auch auf: Im Süden Europas schiene zwar schön die Sonne, dafür seien die Länder pleite. In Norwegen dagegen friere man sich den Hintern ab, genieße aber alle Vorzüge des Sozialstaats: Und schon bleckt der serbische Mafioso seine makellosen Zähne – ein Geschenk des kostenfreien norwegischen Gesundheitssystems. Außerdem sorgen Kälte und Schnee im hohen Norden für wintergerechte Kleidung, und so schmunzelt man über die Balkan-Fellmütze, die das Haupt von Bruno Ganz als serbischem Mafiaboss schmückt.

Gänzlich unter Eis und Schnee begraben ist die Welt allerdings in dem dystopischen südkoreanischen Thriller „Snowpiercer“ („Seolguk-yeolcha“) von Bong Joon-ho (Forum). Die Adaption des Graphic Novel von Jean-Marc Rochette spielt in einem riesigen Zug, in dem die letzten Menschen im 21. Jahrhundert in einer Riesenschleife um die Erde donnern und den eisigen Schienen trotzen. Im hinteren Teil des Zuges hausen unter schlimmsten Bedingungen die Armen, vorne schwelgen die Reichen im Luxus und haben den Erbauer des Zuges, den mysteriösen Wilford (Ed Harris) sowie bewaffnete Ordnungskräfte auf ihrer Seite. Der Film – der teuerste, der je in Korea gedreht wurde und dort ein Riesenerfolg – wartet zwecks besserer internationaler Verwertung an den Kinokassen mit einem hochkarätigen internationalen Cast auf: Tilda Swinton, Chris Evans, Jamie Bell oder John Hurt. Auch der südkoreanische Superstar Song Kang-ho verkörpert einen Schlüsselcharakter.

Irgendwann wagen die Geknechteten den Aufstand, und sehen, je weiter sie sich zu den Schaltstellen der Macht innerhalb des rumpelnden Riesenvehikels durchkämpfen, aus den Fenstern der Reichen zum ersten Mal seit 17 Jahren die Schneelandschaft draußen. Beeindruckende verschneite Gebirge kontrastieren mit vom Schnee bedeckten verödeten Städten und Industriegebieten. Produziert hat den Film übrigens der südkoreanische Regie-Star Park Chan-wook, der beim Interview erzählte, dass der Film aus Kostengründen in Prag gedreht worden sei. Seinem Kollegen Bong Joon-ho habe er die volle künstlerische Freiheit gelassen – die Legende will es, dass Bong so fasziniert von dem Graphic Novel war, dass er ihn im Stehen im Comicladen zu Ende lesen musste. Park erzählte übrigens auch von den Unterschieden zwischen koreanischen und englischsprachigen Filmcrews: Während die Angelsachsen auf ihre tariflich verbürgten (Essens-)Pausen pochten, könnten Koreaner problemlos einen Tag durcharbeiten. Über die Rolle des Schnees ließ sich der Regisseur und Produzent zwar nicht aus, aber dass dieser außer seinen optischen Reizen auf der metaphorischen Ebene auch für Globalisierung und Klimaveränderungen steht, versteht sich in diesem spannenden Werk von selbst.

Die Nick-Hornby-Adaption „A Long Way Down“ von Pascal Chaumeil (Berlinale Special) schildert dagegen den Freundschaftspakt vierer verhinderter Selbstmörder. Zu Silvester finden sie sich alle zufällig auf dem Dach eines Londoner Hochhauses zusammen und können sich gerade rechtzeitig davon abhalten, zu springen. Ihr Deal: Keiner soll sich vor dem Valentinstag sechs Wochen später umbringen. Dabei schneit es auf dem Dach des Gebäudes weiche Flocken Schnee, die mit dem berühmten Londoner Nebel so verschmelzen, dass man von oben die Straße (und potenzielle Aufprallstelle) nicht mehr sieht. Doch in dieser etwas seicht und kompromissfreudig geratenen Tragikomödie mit Pierce Brosnan, Toni Collette, Aaron Paul und Imogen Poots kommt der Schnee über eine melancholisch-dekorative Funktion nicht hinaus.

Ähnliches kann man von dem dänischen Drama „En du elsker – Someone You Love“ (Berlinale-Special, Regie: Pernille Fischer Christensen) sagen. Hier kehrt ein mittlerweile weltbekannter Sänger in seine Heimat Dänemark zurück und wird mit den Problemen seiner von ihm vernachlässigten und drogensüchtigen Tochter konfrontiert. Dabei muss er auch auf seinen Enkel aufpassen, und so sieht man, wie sich die beiden Schneeballschlachten auf dem riesigen Anwesen des Sängers liefern oder durch die weiße kühle Pracht im Garten spazieren. Da der Film bald eine düstere Wendung nimmt, fungiert die Winterlandschaft wenig originell für Tristesse, Verlorenheit und Leere. Schade, denn es lohnt, den ständig unrasierten, leidenden, sich wie ein neurotisches Kind benehmenden, aber mit schönen blauen Augen gesegneten Mikael Persbrandt als Helden in dieser weißen Landschaft zu bewundern.

Dass die Coen-Brüder nicht nur ihre Zuschauer glücklich machen können, sondern auch Träume erfüllen, schildert das Road-Movie „Kumiko the Treasure Hunter“ (Forum, Regie: David Zellner). Die Heldin Kumiko, eine selbst ernannte Schatzsucherin, ist überzeugt, dass der Aktenkoffer voller Dollarscheine, den Steve Buscemi in „Fargo“ im Schnee vergräbt, noch immer dort liegt. Eines Tages macht sie sich von Tokio kurz entschlossen auf ins eisigste North Dakota – in der Tasche hat sie die Kreditkarte ihrer japanischen Firma, in der sie ohnehin nur gemobbt oder wegen ihres Single-Lebensstils vom Chef zur Heirat ermahnt wird. Sturköpfig wie zehn Esel lässt sie sich von Beteuerungen wohl meinender Amerikaner, dass es in Fargo viel zu kalt und leer sei, bwz., dass „Fargo“ doch nur ein Spielfilm sei, nicht beirren. Mit Hartnäckigkeit, Improvisation und Tricks schafft sie es schließlich bis zu ihrem Wunschort. Ein ihr zugeneigter Polizist hat ihr einen Schneeanzug und Thermostiefel gekauft und sie selbst eine bunte Decke aus einem Motel zu einem Poncho umgewandelt. So sieht man sie durch das eisige Fargo und weiße Felder und Wälder stapfen. Das Filmende sei an dieser Stelle nicht verraten, aber die Gefahren der Schneelandschaften – bei Minus 20 im Schneesturm zu stehen, erscheint hier als höchst ungemütlich – werden trotz ihrer optischen Pracht nachvollziehbar angedeutet. Das entzückende japanische Kaninchen Bunzo macht sich im Schnee dagegen sehr malerisch, außerdem wartet der Film mit vielen humorvollen Einlagen auf. Den Coen-Brüdern sollte er gefallen.

Kira Taszman

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