Berlinale 2015: Liebe, Lenin und Goldfinger

    |    Monday, der 9. February 2015  |     3
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Foto © Agatha A. Nitecka

Ohne Liebe wäre das Leben, aber auch das Kino, ohne Sinn und Saft. Klassische Liebeskonstellationen im Film erzählen von entstehender Liebe und den Hindernissen auf dem Weg zum möglichen Glück. Doch angesichts des berechtigten Anspruchs von so genannten Best-Agern, auch ihre Belange auf der Leinwand repräsentiert zu sehen, gibt es immer mehr Filme über Liebe im Alter. So auch bei Andrew Haighs Wettbewerbsbeitrag „45 Years“. Einfühlsam und präzise schildert er das Zusammenleben von Geoff und Kate, die kurz vor der Feier ihres 45. Hochzeitsjubiläums stehen.

Doch dann erfährt Geoff, dass die Leiche seiner vor über 45 Jahren tödlich am Gletscher verunglückten Jugendliebe gefunden wurde – und schon erfolgt ein Riss in dieser gereiften Liebe. Warum hat Geoff diese ominöse Katja so lange vor Kate verschwiegen? Wie sah sie aus und hat er sie womöglich mehr geliebt als Kate? Beunruhigte Blicke, Gesten der Überforderung und des Gereiztseins streuen Charlotte Rampling und Tom Courtenay – sie spielen die Eheleute – so dosiert ein, dass ihr Unwohlsein sich auf den Zuschauer überträgt. Nächtliches Herumstöbern auf dem Dachboden und Wühlen in verstaubten Kisten zementieren das mentale Auseinanderdriften der Eheleute. Gleichzeitig sind beide Partner ehrlich bemüht, der verstorbenen Konkurrentin keinen zu großen Platz einzuräumen.

Es ist berührend, das alte Ehepaar in den sechs Filmtagen zu beobachten, die das Drama dauert. Trotz seiner Zerstreutheit, ihres Nachbohrens und gegenseitiger Spitzen ist die jahrzehntelange Vertrautheit der beiden spürbar. Dennoch scheint durch eine Frau, die im Eis der Schweizer Alpen fast ein halbes Jahrhundert konserviert – und dadurch jung – geblieben ist, das Zerwürfnis für die Dauer des Films kaum überbrückbar zu sein. Wie fragil selbst solch eine gefestigte Liebe sein kann, zeigen die herausragend agierenden Rampling und Courtenay ebenso eindringlich wie die dezente Regie.

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Foto © Kirill Bobrov

Herzrasen, Stotteranfälle und peinliches Erröten sind dagegen Symptome für eine zarte erste Liebe. In „14+“ (Generation) ist Aljoscha in Vika verliebt. Auf der Dating-Plattform für Teenager schlägt er ihr Profil auf, schwärmt für ihre Fotos und übt schon mal, wie er sie möglichst cool ansprechen könnte. Endlich wagt er es, bei einer Party in ihrer Schule, seine Angebetete zum Tanz aufzufordern. Zum Dank setzt es eine Tracht Prügel der dort ansässigen Halbstarken-Fraktion. Doch das soll der Liebe der Beiden nicht im Weg stehen. In einer sozialistischen Plattenbausiedlung verortet, versprüht „14+“ einen sanften, naiven Charme, ganz wie die jungen Helden. Lachen kann man, wenn die mit einem männlichen Teenager überforderte alleinerziehende Mutter Aljoschas ihn mit einem Kinderbuch aufklären will und ihn anfleht, kein Porno im Internet zu konsumieren. Junge Schläger bewachen auch die einzelnen Aufgänge der Hochhauseingänge, und so muss unser junger Held einiges an Abenteuern und blauen Flecken hinnehmen, um wie ein Ritter die Festung einzunehmen, hinter der seine Prinzessin sich verschanzt. Auch zünftiger Wodka-Konsum gehört zu einem guten russischen Film. Dass Regisseur Andrej Saizew die zum Teil krasse heutige Realität ausspart, erklärt sich wohl dadurch, dass der Film in der Sektion für junge Zuschauer läuft. Außerdem sieht man die erste Liebe stets durch eine rosa Brille, insofern sei die etwas zu versöhnliche Gesellschaftszeichnung dem Film verziehen.

Wie die sowjetische staatliche Kindererziehung bis heute Einfluss auf die im postsozialistischen Russland lebende letzte Generation von Sowjet-Pionieren (A. d. R. sowjetische sozialistische Kinderorganisation) hat, erzählt das autobiographisch gefärbte Drama „Pioniery geroi“ (Heldenpioniere) von Natalja Kudrjaschowa. Olga, Katja und Andrej sind heute Anfang dreißig und scheinen trotz eines stabilen sozialen Status nicht zu sich selbst gefunden zu haben. Die gelungensten Momente des Films zeigen sie in Weliki Nowgorod als so genannte „Oktoberkinder“ in der vierten Klasse, die kurz davor stehen, in die Pionierorganisation W.I. Lenin aufgenommen zu werden.

Wie die Mühlen der Propaganda mahlen und welch zum Teil abstruse Ideen dadurch in Kinderhirnen entstehen, offenbart Kudrjaschowa, und das ist teils amüsant, teils beängstigend. So glauben die Kinder ein verdächtiges schwarzes Auto der Marke Wolga ausfindig gemacht zu haben. Sein Inhaber sei ein amerikanischer Spion, der sowjetische Kinder entführe. Der Mann stellt sich als harmloser Polizist heraus. Katja dagegen plagen Alpträume. Sie sieht sich in einer Galerie mit übergroßen Porträts von durch Nazis ermordete sowjetische Pioniere der Vierzigerjahre. Ihre größte Angst: Dass sie den Ansprüchen dieser Vorbilder nicht entsprechen könnte. Auch Olga erzählt in der Jetztzeit ihrem Therapeuten, wie sie sich in ihren Träumen bis heute zur von den Faschisten gefolterten Partisanin inszeniert und dadurch Anerkennung erntet. Andrej dagegen war schon als Kind aufmüpfig und weigerte sich, die erste Stimme im sozialistischen Kinderchor zu singen: Er wollte, wie die anderen, lieber mit der Zunge schnalzen. Die Episoden im heutigen Russland mögen weniger überzeugen, doch Kudrjaschowa gelingt es, das Unwohlsein und die Traumata in beiden Epochen plastisch an ihren Protagonisten nachvollziehbar zu machen.

Auch in der DDR gab es Pioniere und FDJler, auch sie wurden bevormundet und ideologisch beeinflusst. In Andreas Dresens „Als wir träumten“, der Adaption von Clemens Meyers Roman, finden sich die jungen Protagonisten in der zügellosen Post-Wendezeit wieder. Einige Jahre zuvor war noch alles streng reglementiert. Auch hier wird der Held Dani als Thälmannpionier angehalten, „auf Distanz“ zu seinem Mitschüler zu gehen, der sich unsozialistisch verhalten habe. Rote Halstücher und die Verehrung von zu sozialistischen Märtyrern gemachten Partisanen prägten und plagten auch in der DDR Kinderköpfe und –herzen.

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Foto © Metro Goldwyn Mayer/ EON Productions

Und wenn wir schon beim Kalten Krieg sind: Immerhin hat ihm das Kino eine ganze Kultur von Spionage-Thrillern zu verdanken. Auch wenn im dritten James-Bond-Vehikel „Goldfinger“ (1964, Berlinale Classics) der Bösewicht Gert Fröbe ja kein Sowjet-Agent, sondern nur ein mörderischer Geschäftemacher mit Goldfetisch ist. Er hat es auf die amerikanischen Goldreserven von Fort Knox abgesehen. Der legendäre Szenenbildner Ken Adam, mittlerweile stolze 94 Jahre alt, gab am Samstag auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele Anekdoten zu den Dreharbeiten zum Besten. Unter anderem hätte sich manch einer gewundert, wie Adam die Interieurs des Forts hätte nachbauen können, wenn es nicht einmal dem Präsidenten der Vereinigten Staaten erlaubt sei, es zu betreten! Jedenfalls tragen Adams elegante und bis heute moderne Szenenbilder erheblich zum Gelingen des Films bei. Und den jungen Sean Connery im hellblauen, die muskulösen Beine frei gebenden, Frottee-Sportanzug zu bewundern und seinem ironischen Geplänkel mit der forschen Blondine Pussy Galore zu lauschen, macht auch 2015 noch Spaß.

Kira Taszman

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