Berlinale 2015 (2): Frauenpower

     |    Friday, der 13. February 2015

201510869_3Starke Frauen in extremen Situationen hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick für das diesjährige Festival angekündigt. Und es gibt sie: Diven in Historienfilmen, die in exquisiter Garderobe vor Naturgewalten agieren, dabei aber vor allem als Charakterdarstellerinnen anerkannt werden wollen. Aber auch mutige, tragische Heldinnen, die gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt sind und sie mehr oder weniger erfolgreich bekämpfen, hat die diesjährige Berlinale zu bieten.

Erlesen bestickte Samtkleider sind nicht die beste Ausstaffierung für den Nordpol. Doch bevor Josephine Peary (Juliette Binoche), die Gattin des Polarforschers Robert Peary, zu Anfang des 20. Jahrhunderts, das bemerkt, bedarf es mindestens einer Stunde Filmzeit. So erzählt „Nobody Wants the Night“ (Wettbewerb) von einer herrischen, bürgerlichen New Yorkerin an einem Ort, an dem die brutalen Gesetze der Natur walten. Erst die Begegnung mit der jungen Inuit-Frau Allaka (Rinko Kikuchi), und die sich verschlechternden klimatischen Bedingungen werden die überhebliche Städterin Demut lehren. Die Garderobe von New Yorker Couturiers wird zugunsten von deutlich polartauglicheren Tierfellen ausgetauscht und schließlich gar den Flammen für das überlebenswichtige wärmende Feuer geopfert. Außer der kolonisationskritischen Erkenntnis über eine westliche Frau, welche in übermächtiger Kulisse sowohl die Polarwelt als auch ihre menschlichen Ureinwohner zu respektieren lernt, hat der Film nicht viel zu bieten. Nicht einmal die Schneelandschaften kostet er aus, und so bleiben lediglich einige (Wort-)Gefechte von Josephine und Allaka und der physische und psychische Verfall der engagierten Juliette Binoche im Gedächtnis des Zuschauers haften.

201510428_2In der extremen Hitze des Orients sowie einigen ganzkörperverhüllenden, uv-strahlenabweisenden Gewändern bewegt sich wiederum Nicole Kidman in „Queen of the Desert“ (Wettbewerb). Werner Herzog hat sich das Liebesleben der Schriftstellerin, Ethnologin und Abenteurerin Gertrude Bell (1868-1926) zur Brust genommen, nicht das spannendste Kapitel aus dem Leben Bells, die immerhin für die Ziehung der Grenzen im heutigen Mittleren Osten mitverantwortlich war. Doch statt das bleibende Erbe einer Frau zu erkunden, die ihrer Zeit eindeutig voraus war, ergeht sich Herzog in schmonzettiger Romantik. Der allgegenwärtige James Franco darf charmant und melancholisch zugleich als Gertrudes erste große und unglückliche Liebe herhalten. Ein auf einem Billardtisch dargelegter Kartentrick fungiert als die „erotischste Szene, die ich je gedreht habe“, so Werner Herzog selbst. Dennoch scheut der Altmeister – in seinen letzten Dokumentar- und Spielfilmen überschritt er erfolgreich die Grenzen narrativer Konvention – den Konflikt. Die in der Wüste reisende Frau – ein Novum für Einheimische und britische Besatzer – befreit sich allzu rasch aus brenzligen, ja lebensbedrohlichen Situationen. Dafür legt sie in der Liebe zwei schmerzhafte Bauchlandungen hin, wofür auch ihr zweites love interest, der Offizier Charles Doughty-Wylie (dargestellt von „Homeland“-Star Damian Lewis) fast buchstäblich über den Jordan geschickt wird. Einzig Robert Pattinson als Lawrence von Arabien kann für sympathische Ironie sorgen.

marleneDer Wüstenfilm „The Garden of Allah“ in der Retrospektive (Regie: Richard Boleslawski) wurde fast 80 Jahre früher gedreht, und verkauft emsig im Studio aufgetürmte Sandhügel als nordafrikanische Landschaften. Mit realistischen Einstellungen hält er sich nicht weiter auf und tut das, worauf es wirklich ankommt: seine Diva Marlene Dietrich gekonnt auszuleuchten. Mit günstigem Licht angestrahlt und in prächtiger Garderobe, die alle fünf Filmminuten wechselt, empfiehlt sich Marlene als wahre Königin der (Studio-)Wüste. Sie zieht die Diven-Karte und überzeugt dadurch auf ganzer Ebene – auch wenn der Film erstaunlicherweise kein Happy End aufweist.

201510882_2Von Célestine, einem widerspenstigen Hausmädchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erzählt wiederum Benoît Jacquots „Journal d’une femme de chambre“ (Wettbewerb). Benoît Jacquot ist ein Regisseur, der sich für Klassenverhältnisse interessiert. Diesmal widmet er sich der französischen Bourgeoisie und ihrer Ausbeutung von Arbeitskraft im Privaten. Célestine wird von den Herrschaften als Eigentum, von den Hausherren und –söhnen dagegen als Freiwild angesehen – gut für sexuelle Belästigungen jeder Art. Doch sie ist keine folgsame Domestikin, wagt es, Ansprüche zu stellen und sondiert geduldig ihre Optionen für einen sozialen Aufstieg. Ist Célestine nun eine Ausgenutzte, eine kühle Intrigantin oder eine Opportunistin? Schließlich verbündet sie sich mit dem mürrischen Diener Joseph (Vincent Lindon), einem ausgewiesenen Antisemiten und Rechtsnationalen. Benoît Jacquots Adaption von Gustave Mirbeaus Vorlage „Tagebuch einer Kammerzofe“ ist bereits die vierte Verfilmung des Stoffes. Der Franzose vermag ihm weniger Stil und Dringlichkeit abzugewinnen als noch Luis Buñuel im Jahre 1964 (mit Jeanne Moreau als Darstellerin). Er erzählt verworren, reißt Probleme nur an und überrascht mit unausgegorenen Wendungen. Doch seine politische Aussage ist klar. Eine unbarmherzige Schicht wie die Bourgeoisie gebiert eine noch gefährlichere Spezies: faschistisches Kleinbürgertum. Und die Kammerzofe, die Léa Seydoux mit Unschuldsmine, List, aber auch Verletzlichkeit spielt, ordnet ihre ansatzweise humanistischen Ansichten dem sozialen Aufstieg unter.

201504290_3Zwei Filme, die im Heute spielen, verorten ihre Heldinnen in einem archaischen Mikrokosmos. „Ixcanul“ von Jayro Bustamente ist der erste Berlinale-Wettbewerbsbeitrag aus Guatemala. Er spielt in einer abgeschieden lebenden Maya-Gemeinschaft. Die Siebzehnjährige Maria soll mit einem viel älteren Witwer – und Arbeitgeber ihres Vaters – verheiratet werden. Doch nach einer Liebesnacht mit dem Plantagenarbeiter Pepe wird sie schwanger. Abtreibungsversuche schlagen fehl, das Baby wird ausgetragen. Fortan schauen wir der tapferen jungen Heldin zu, wie sie aufbegehrt, versucht, ihre Träume von Liebe und Selbstverwirklichung in einem bescheidenen Rahmen durchzusetzen. Doch die äußeren Umstände sind stärker. Das junge Mädchen, ungebildet, mit den Imperativen der modernen Welt unvertraut und des Spanischen nicht mächtig, ist nicht in der Lage, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Der Ausbeutung durch überlieferte Bräuche, Behörden und Männer ist sie schutzlos ausgeliefert. Aus der Perspektive Marias wird der Film sehr direkt erzählt: der Vulkan, vor dem die ärmliche Familie lebt, dient als Sehnsuchtssymbol. Hinter seinen Umrissen winkt die Freiheit – unerreichbar für Maria. Bustamente legt einen starken Film vor und empfiehlt sich für Bären-Ehren.

201506319_2Um Genderfragen dreht sich schließlich die albanisch-europäische Ko-Produktion „Sworn Virgin“. In einem Bergdorf in Albanien scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hana, die Adoptivtochter einer Familie, ist ein Wildfang, will nicht so leben, wie Mädchen sich dort benehmen müssen. Sie unterwirft sich nicht den ungeschriebenen Männergesetzen, geht jagen und entwickelt auch einen brüderlichen Beschützerinstinkt für ihre Adoptivschwester. Doch der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist hoch. Sie wird in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen, fortan wie einer behandelt und muss lebenslange sexuelle Abstinenz schwören (auch eine Doku auf realeyz.tv widmet sich dieser Thematik). Ein jahrhundertealtes Patriarchat, verkrustete Geschlechterrollen und unerschütterliche Bräuche verhindern, dass Hana – jetzt heißt sie Mark – frei leben kann. Jahre später folgt sie ihrer Adoptivschwester nach Italien. Dort erlebt sie eine Wiedergeburt… Solange der Film die Rückblenden in Albanien bebildert, überzeugt er durch eine genaue Milieuschilderung und eine anrührende Charakterisierung. Doch wenn Regisseurin Laura Bispuri das Erblühen Marks/Hanas in Mailand erzählt, macht sie es sich zu einfach, verfällt gar selbst in einen Duktus, der angeblich geschlechtertypische Verhaltensweisen postuliert und kaum Zwischentöne zulässt. Auch Lars Eidinger als lasziver Bademeister und eigennütziger Verführer rezidiviert ein Rollenklischee, das man von ihm (etwa aus „Code Blue“) bereits kennt. Zwar rettet der Film seine bis zum Ende androgyn erscheinende Heldin, doch eine wahrhaft freie Individualität steht er ihr nicht zu.

Kira Taszman

 

Fotos:

In the Garden of Allah: © George Eastman House, Rochester, © Disney

Ixcanul: © La Casa de Producción

Nobody Wants the Night: © Leandro Betancor

Queen of the Desert: © 2013 QOTD Film Investment Ltd. All Rights Reserved

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