Belles de Jour: I AM A WOMAN NOW von Michiel van Erp

    |    Friday, der 10. April 2015  |     1

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Corinne, Colette, April, Jean und Bambi, alle Frauen in den Siebzigern, waren früher Männer. Sie gehören einer Generation von Transgender-Vorreiterinnen an, die in den 1960er Jahren alle von demselben Arzt in Casablanca zu Frauen umoperiert wurden. Michiel van Erp porträtiert in seinem sehenswerten und berührenden Dokumentarfilm die fünf lebensfrohen Seniorinnen im Herbst ihres Lebens: Sie ziehen Bilanz, geben sehr Persönliches von sich preis und haben ihre Entscheidung, auch physisch ganz Frau zu werden, meist nicht bereut.

Sie haben mir sehr geholfen, Dr. Burou. Früher war ich sehr unglücklich. Sie haben uns alle sehr glücklich gemacht. Mich und meine Schwestern im Geiste.“ So bedankt sich die Belgierin Corinne am Grab des Chirurgen, dem sie ihre „zweite Geburt“, wie sie es nennt, zu verdanken hat. 40 Jahre nach ihrer Geschlechtsumwandlung reist sie noch einmal nach Casablanca, reflektiert ihr Leben, ihre Entscheidung, offiziell zur Frau zu werden und erzählt von großen Gefühlen, Liebschaften und Enttäuschungen.

Auch April, eine ehemalige Schönheit, kehrt an Orte ihrer Vergangenheit zurück. Sie arbeitete als Tänzerin und, nach dem Eingriff von Doktor Burou, auch als sehr erfolgreiches Model. In den 60ern und 70ern genoss sie in Paris und an der Côte d’Azur ein Leben zwischen den Reichen und Schönen. Doch sie erzählt auch von tiefen Wunden, Schmerz und Ablehnung: Als sie noch ein männlicher Teenager war, wurde April von der katholischen Mutter geschlagen und schließlich von zu Hause verjagt. Seitdem ist es ihr egal, was die Leute von ihr denken.

IAmAWomanNow-Presse2Das Frausein der Deutschen Jean gestaltete sich dagegen komplizierter. Einige Jahre nach der Geschlechtsumwandlung begann sie eine lange Beziehung mit einer Japanerin – und lebte für diese wieder als Mann: An Identitätszweifeln, gesundheitlichen Komplikationen und dem Mangel an Akzeptanz von der ihr am nächsten stehenden Person hatte sie hart zu kämpfen.

Die Französin Bambi – sie machte als Performance-Künstlerin Furore – und die Holländerin Colette kannten keinerlei solcher Identitätskrisen. Colette führte eine lange Beziehung zu einem viel jüngeren Mann. Er berichtet von dem skeptischen, ja oft sogar aggressiven Blick von außen, während die beiden selbst ihre Liebe nie in Frage gestellt hätten.

Die sehr offen auftretenden Protagonistinnen machen I AM A WOMAN NOW zu einer spannenden Reise in eine Welt, von der die meisten Zuschauer zuvor wenig Kenntnis gehabt haben werden. Der Regisseur behandelt sein Sujet aber mit soviel Selbstverständlichkeit und ohne jeglichen aufklärerischen Gestus oder Kommentare, dass auch beim Publikum kein Fremdeln aufkommt.

IAmAWomanNow-Presse1Den einen oder anderen Schönheitsfehler mag man bemängeln: Dass Corinne ihr sehr spätes Coming Out ihrer ehemaligen geschlechtlichen Identität gegenüber einer Freundin ausgerechnet vor laufender Kamera machen muss, ist ein unnötiges Zugeständnis an gängige TV-Doku-Soap-Formate. Auch nach einer sehr emotionalen Schilderung Aprils vom Tod ihres Vaters hätte der Schnitt aus Diskretionsgründen früher erfolgen können. Ansonsten vermeidet der Film jedoch Voyeurismus und entführt das Publikum in eine Subkultur von Travestie- und Tanzshows, um sich im nächsten Augenblick wieder sehr alltäglichen Dingen im Leben der Heldinnen zu widmen. Deren Lebensbilanz fällt meist frei nach dem Piaf’schen Motto „je ne regrette rien“ aus – und das ist auch gut so.

Kira Taszman

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