Ausstellung David Bowie – Aladdin Sanes Wunderlampenladen

    |    Tuesday, der 19. August 2014

bowie lets danceWer ist David Bowie, und wenn ja, wie viele? So etwas in der Art fragte sich offensichtlich manch öffentlicher Kommentator der großartigen, Ende dieser Woche ausklingenden, Bowie-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Doch die Antwort ist simpel: Es gibt nur einen David Bowie! Kein anderer Solokünstler des letzten halben Jahrhunderts hat sich mit seiner überbordenden Kreativität und seinem Übertalent so gewinnend und nachhaltig in die (Rock-)Musikgeschichte eingebracht wie er. Dass der als David Jones geborene Bowie dabei – als Ziggy, Aladdin Sane, Thin White Duke, Blue Clown oder andere Figuren – zahlreiche Alter Egos annahm und sein Aussehen so oft wechselte wie ein Casanova seine Damenbekanntschaften, liegt in der Natur dieses so begnadeten wie charismatischen Künstlers.

David Bowie ist mit 67 reif für’s Museum. Doch wenn man durch die akribisch recherchierten und reich ausgestatteten Räume der Ausstellung schreitet und sich per Kopfhörer mit Titeln wie „Starman“, „Ashes to Ashes“, „Boys Keep Swinging“ oder „Life on Mars“ verwöhnen lässt, wird einem auch immer wieder bewusst, wie zeitlos und aktuell dieser David Bowie ist und was für einen herausragenden Singer-Songwriter wir in ihm hatten und haben. Die zur Schau gestellten Platten- und Bühnenoutfits, Gemälde, Entwürfe von Plattencovern oder Promo-Videos fügen seiner wundervollen Musik überwältigende optische Reize hinzu.

bowie outfitsDas Schmuckstück der Ausstellung stellt der riesige Konzertsaal dar. Über alle vier Wände flimmern Bilder seiner legendären Konzerte von fast 50 Jahren Bühnengeschichte: sein als letzter Auftritt überhaupt angedachtes Konzert von 1973 mit einer fetzigen Darbietung von „Jean Genie“, eine großartig rockige Version von „Heroes“ auf dem „Concert for New York City“ von 2001 oder ein durchchoreographiertes „Bang Bang“ aus der „Glass Spider“-Tournee von 1987. Eine Wand ist zudem als in quadratische Kompartiments aufgeteilte Riesenvitrine konzipiert, aus der hinter der Videoprojektion seine Bühnenkostüme hervorschimmern. Etliche Schaufensterpuppen mit seinen Outfits stehen zudem auf Podesten über den Raum und die Ausstellung verteilt, entworfen von zumeist japanischen Designern – etwa der Strick-Catsuit von 1973 oder der elegante beige Anzug aus dem „Let’s Dance“-Video – und verfehlen selbst ohne Bowie darin ihre Wirkung nicht.

bowie langes haar kleinDoch David Bowie ist nicht nur ein schwindelerregend vielseitiger Künstler, sondern hat auch die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt und sich von seiner ersten Hälfte prägen lassen. So stellt die Ausstellung auch einen Rundgang durch Geschichte dar und vermittelt eine Idee davon, mit welcher Wucht seine androgyne Erscheinung in den frühen Seventies einschlug, welche Hysterie sie bei Jugendlichen (und wohl Kopfschütteln bei deren Eltern) hervorrief. So erscheint Bowie als ein in jeder Hinsicht Frühreifer, der schon als Sechzehnjähriger – damals noch als Davie Jones – mit Rockertolle im Elvis-Look selbstbewusst in die Kameras lächelte und anschließend in den Mittsechzigern eine Vereinigung gegen die Diskriminierung langhaariger junger Männer anführte. Allerspätestens mit seiner bahnbrechenden „Starman“-Darbietung von 1972 im bunten Jumpsuit mit rotem, abstehendem Haar (und blauer Gitarre) in der britischen TV-Sendung „Top of the Pops“ hatte er das Publikum für sich gewonnen – und Zehntausende von Teenager-Herzen gebrochen.

Auch seine Berliner Phase – drei Jahre verbrachte er in West-Berlin in der sagenumwobenen Wohnung der Schöneberger Hauptstraße 155 – erinnert an vergessen geglaubte Kapitel der einst geteilten Stadt. Seine Verehrung für Christopher Isherwood und Marlene Dietrich – mit der er sich einen rührenden Briefwechsel lieferte – waren auch Gründe für sein Berliner Exil, in dem er der elektronischen Musik von „Kraftwerk“ lauschte oder sich an Berliner Bockwürsten delektierte. Herausgekommen aus seiner Berliner Periode sind dabei seine so überzeugenden wie experimentellen Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, (oft durch Iggy Pop inspirierte) Gemälde oder provokant lustige Bühnen-Oufits wie der blaue Rockanzug mit dem dazu an der Leine geführten rosa Riesen-Plüschpudel.

bowie starmanSelbst die Grenz- und Geheimpolizei der DDR beschäftigte Bowie noch Ende der 1980er Jahre, etwa für seine „Glass Spider“-Tour. Ein heute Heiterkeit verursachendes Dokument in einer Vitrine liest sich so: „Umseitiges Transitvideo berechtigt Jones, David mit / Kindern zur Reise durch die Deutsche Demokratische Republik nach BRD, WB, CSSR, VR Polen, Schweden und Dänemark.“

Zynisch dagegen der Rapport eines eifrigen Stasi-Hauptmanns, der berichtet, dass es am 6.6.1987 am Brandenburger Tor zu einer „verstärkten Ansammlung dekadent aussehender Jugendlicher“ gekommen sei, welche Bowies am Reichstag gegebenes Konzert anhören wollten, und wie man mit ihnen „fertig geworden“ sei.

Zum Ausklang der Ausstellung winkt eine herrliche Fotoschau von Bowie in allen Looks aus allen seinen Schaffensperioden mit dem Hinweis, dass David Bowie überall sei. Beschwingt tritt man aus der Schau, ein Kaleidoskop von Bildern im Hirn und eine Multiphonie wunderschöner Melodien im Ohr.

Kira Taszman

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