„Auf den ersten Blick“ – Interview mit Sheri Hagen

     |    Wednesday, der 27. May 2015  |     1

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Sheri Hagen wurde 1968 in Lagos (Nigeria) geboren und ist in Hamburg aufgewachsen. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung in Hamburg und Wien und spielte in zahlreichen Film- und TV-Produktionen (u. a. „Tatort“, „Die Männer der Emden“) sowie Theaterproduktionen mit. 2007 inszenierte Sheri Hagen den kurzen Kinderfilm „Stella und die Störche“. AUF DEN ZWEITEN BLICK, Hagens zweite Regiearbeit über drei Paare, von denen jeweils ein Partner blind oder sehbehindert ist, ist ihr erster Langspielfilm, den sie auch produzierte und schrieb. Der Film wurde in den Kinos barrierefrei aufgeführt.

Frau Hagen, in Ihrem Film gibt es sechs Hauptfiguren: Zwei sind sehend, zwei blind und zwei sehbehindert. Ist der Titel „Auf den zweiten Blick“ als Metapher zu verstehen, dass man bei Menschen nicht zu sehr auf Äußerlichkeiten achten sollte?

Sheri Hagen: Anonymität und Einsamkeit sind in Berlin, wo mein Film spielt, häufig anzutreffen. Das einander Nichtsehen, Nichtbemerken und die Weigerung, Nähe zuzulassen, wollte ich thematisieren. Dafür steht auch das Blindsein: dass man oft blind durch die Welt läuft. Das gilt sowohl für sehende als auch für nicht sehende Menschen. Das Ich wird momentan in der Gesellschaft sehr groß geschrieben.

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Sind wir zu individualistisch?

Das traditionelle und typisch Menschliche geht abhanden, dass man sich anfasst, spürt. Das merkt man im Straßenbild, zum Beispiel an Haltestellen, dass Menschen nicht mehr miteinander in Dialog treten, sondern eher in einen Dialog mit ihren Smartphones. Dass man miteinander spricht und sich Geschichten erzählt, ist mir sehr wichtig. Das macht uns und unsere Kultur aus und darf nicht verschwinden.

Vielleicht ist es ein Klischee, aber man sagt ja, dass die anderen Sinne umso geschärfter sind, wenn ein Sinn wegfällt. Im Film hört ja der Klavierstimmer auch sehr gut. Aber ist das wirklich ein Ausgleich für den Wegfall des Augenlichts?

Ich glaube, dass es von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Für einige wäre es ein Weltuntergang, blind zu sein, andere Menschen würden es als Mehrwert empfinden, dass sie mehr Gerüche aufnehmen, mehr fühlen oder anders hinhören als vorher. Das hängt damit zusammen, ob wir vorher sehend waren, aufgrund eines Unfalls erblindet sind oder geburtsblind sind. Aber ich habe auch ziemlich viele blinde Menschen getroffen, die wie andere auch recht dumpf waren. Andere, die ich interviewt habe, wussten genau, wann die Kassette meines Diktiergeräts zu Ende gehen würde.

Warum haben Sie sich als fehlenden Sinn gerade das Sehen ausgesucht?

Blindsein ist für mich ein Spiegelbild für unsere Gesellschaft. Unsere Gesellschaft ist politisch und wirtschaftlich abgesichert, daher sollte ein stärkeres Engagement für soziale Inklusion eigentlich möglich sein. Es gibt eine kulturelle Vielfalt, vor allem in Berlin, die ich noch zu selten auf der Leinwand sehe. Ich kann sie konsumieren und genießen, mir mein Theater oder mein Restaurant aussuchen. Aber wenn ich ins Kino gehe, sehe ich doch oft dieselben Figuren, ein gewisses Klischeebild, das sich nicht mit dem deckt, was ich auf der Straße sehe. Deshalb habe ich gedacht: Vielleicht sind wir Filmschaffenden ja doch auf einem Auge blind?

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Haben Sie deshalb auch relativ viele afrodeutsche Schauspieler für den Film ausgesucht?

Ich habe natürlich auch deshalb relativ viele schwarze Menschen genommen, weil ich selbst schwarz bin und das in der deutschen Kultur ehrlich gesagt auch vermisse. Ich möchte einfach mehr Selbstverständlichkeit, doch die gibt es noch nicht. Ich sehne mich nach mehr Normalität und möchte auch einen normalen schwarzen allein erziehenden Vater mit all seinen alltäglichen Schwierigkeiten sehen.

Bezieht sich Ihre Kritik eines homogenen Menschenbildes besonders auf Großstadtfilme oder auf deutsche Filme generell?

Auf Filme generell. Ich glaube auch, dass es ein Trugschluss ist, zu glauben, dass Dörfer oder Kleinstädte noch so aussehen wie vor 50 Jahren. Ich brauche nur nach Bad Oldesloe zu fahren. Da kommt mir einer entgegen, der mit breitem norddeutschem Dialekt spricht, aber der vielleicht nicht so ausschaut, wie Tante Erna von nebenan es sich vorstellt. Das müssen wir berücksichtigen. Wir brauchen einfach eine andere Sehgewohnheit.

Warum haben Sie sich für einen Ensemblefilm entschieden?

Er gibt mir die Möglichkeit, Nebenfiguren mehr Raum und der Hauptfigur eine bessere Stütze zu geben, ihr Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen. Hätte ich nur Kays Geschichte erzählt, wäre es eine dramatische Geschichte geworden, und das wollte ich nicht. Es war wichtig, auch auf die anderen Figuren einzugehen. Zumal ich eine Geschichte über die Liebe und das Verlieben erzählen wollte, und zwar durch unterschiedliche Paare, die sich auf unterschiedliche Art ineinander verlieben: einmal durch die Stimme, einmal über das Lachen und schließlich über die Musik – alles akustische Reize.

Pierre Sanoussi-Bliss und Ingo Naujoks sind die bekannten Namen in Ihrer Besetzung. Nach welchen Kriterien haben Sie die Schauspieler ausgesucht?

Ich habe eine wunderbare Casting-Frau, Bo Rosenmüller. Sie hat mir tolle Vorschläge gemacht. Michael Klammer, der Falk spielt, kannte ich vorher nicht. Anita Olatunji, die Kay spielt, hatte ich kurz zuvor in einem Film gesehen und mochte ihre Stimme. Ich mag es, wenn eine Stimme hängen bleibt und habe sie deshalb auch zum Casting eingeladen. Pierre und Ingo kannte ich und wusste ganz genau: Ich will beide haben. Sie waren meine erste Wahl und passten auch sehr gut in ihre Rollen – auch wenn sie das selbst anfangs nicht fanden (lacht). Ich habe das aber so empfunden und denke, dass es so auch rüberkommt.

Interview: Kira Taszman

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